Ärzte Zeitung online, 09.11.2010

Grünenthal kündigt Stellenabbau an

AACHEN (cw). Vor einer Woche wurde bekannt, dass der ungarische Hersteller Gedeon Richter für 237 Millionen Euro Grünenthals Kontrazeptiva-Geschäft übernimmt. Heute teilte das Aachener Unternehmen weitere Konsequenzen seiner Restrukturierungspläne sowie seiner Konzentration auf das Geschäft mit Schmerzmitteln mit: Bis 2013 werden weltweit 360 Stellen bei Grünenthal gestrichen.

Allein am Stammsitz in Aachen sollen 220 Vollzeitstellen wegfallen. Der Arbeitsplatzabbau werde von 2011 bis 2013 dauern und pro anno Einsparungen von rund 57 Millionen Euro bringen. Aktuell sind im Grünenthal-Konzern 4900 Mitarbeiter beschäftigt.

In den kommenden Wochen werde man „versuchen, gemeinsam mit dem Betriebsrat bestmögliche Lösungen für die betroffenen Mitarbeiter zu entwickeln“, heißt es. Der Abbau solle so „sozialverträglich wie möglich ausfallen“, erklärte Grünenthal-CEO Harald Stock. Schwerpunkte seien Verwaltungsfunktionen in der Aachener Konzernzentrale. Der Standort Deutschland bleibe für das forschende Familienunternehmen aber „auch weiterhin sehr wichtig“.

Darüber hinaus kündigte Grünenthal an, sich auch von seinem Geschäftsfeld „Zystische Fibrose“ trennen zu wollen. Hier bietet Grünenthal vor allem das Antibiotikum Colistimethat („Colistin CF“) zur Erhaltungstherapie bei chronischer Infektion mit Pseudomonas aeruginosa an. Das Bieterverfahren, mit dem nach einem Käufer für das Produkt gesucht wird, befinde sich bereits in einer fortgeschrittenen Phase, versicherte Stock.

Der vorige Woche gemeldete Verkauf der Kontrazeptiva an die ungarische Pharmagruppe Gedeon Richter kommt nicht überraschend. Vor einem Jahr hatte Firmenchef Stock angekündigt, das Unternehmen wolle sich auf das Indikationsgebiet Schmerz konzentrieren. Wenig später wurde dann das Antibiotikageschäft an die ostdeutsche Riemser AG verkauft sowie die Schließung zweier Werke in Aachen beschlossen.

Im Juli hatte Stock durchblicken lassen, dass damit das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht sei: „Als mittelständisches forschendes Pharma-Unternehmen können wir uns nicht erlauben, auf allen Hochzeiten zu tanzen“.

Die Mittel, die durch den Verkauf von Geschäftsfeldern sowie den Stellenabbau frei werden, sollen in Forschung und Entwicklung aber auch Marketing und Vertrieb fließen. Aktuell gibt Grünenthal jedes Jahr rund 200 Millionen Euro für F&E aus. Ab 2015 sollen sich diese Investitionen auf 400 Millionen Euro verdoppeln, die Forschungsquote dann den Spitzenwert von 35 Prozent des Umsatzes erreichen. Branchenüblich sind gegenwärtig zwischen 15 und 20 Prozent.

Als wichtige Vertriebsziele nannte Stock den Markteintritt in Brasilien und den USA. Von einem eigenen Produktvertrieb in Brasilien erhoffe er sich mittelfristig die stärksten Wachstumsimpulse, so Stock. Längerfristig könne auch eine eigen US-Präsenz – idealerweise gleich als Juniorpartner eines großen US-Anbieters – zu einer erheblich höheren Wertschöpfung für Grünenthal beitragen. Momentan verbuchen die Aachener aus US-Verkäufen ihrer Produkte nur Lizenzeinnahmen.

Johnson & Johnson, Lizenznehmer des neuen Schmerzmittels Tapentadol, habe Grünenthal aber eine Option eingeräumt, Vertriebspartner zu werden. Ein eigener Vertrieb verspreche gegenüber den jetzigen Lizenzzahlungen eine um 50 Prozent höhere operative Profitabilität, so Stock weiter.

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