Ärzte Zeitung online, 14.08.2011

Wettlauf um Studienplätze - 500.000 Erstsemester erwartet

Das Interesse junger Menschen an einem Studium wächst und sprengt sogar die Berechnungen der Politiker. Die Folge: Auch der bereits aufgestockte Hochschulpakt von Bund und Ländern reicht nicht aus. Universitäten schränken den Zugang zu einer zunehmenden Zahl von Studiengängen mit einem Numerus clausus ein.

BERLIN (dpa). Die Hochschulen in Deutschland funken SOS, denn der Ansturm bildungshungriger junger Menschen ist noch größer als erwartet. Nach neuen Prognosen rechnen Experten jetzt mit bis zu 500.000 Erstsemestern in diesem Studienjahr - bisher war die Politik von rund 455.000 ausgegangen. Trotz des Hochschulpakts stehen daher viele Universitäten und Fachhochschulen am Rande ihrer Kapazitäten.

"Die Hochschulen tun alles, um den Studierendenandrang zu bewältigen. Denn an der Qualität der Lehre darf es keine Abstriche geben", sagt die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Margret Wintermantel. Sie forderte die Politik auf, ihre Zusagen einzuhalten und "notfalls nachzulegen".

Erst im März hatten Bund und Länder den Hochschulpakt für die Jahre 2011 bis 2015 von 7,2 auf 9,4 Milliarden Euro aufgestockt. Den Betrag wollen beide Seiten je zur Hälfte aufbringen. Grund für die Erhöhung war die Aussetzung der Wehrpflicht, die bis zu 60.000 zusätzliche Studienanfänger bringen könnte. Geburtenstarke Jahrgänge und die doppelten Abiturjahrgänge in Bayern und Niedersachsen waren zuvor bereits berücksichtigt worden.

Nun zeigen neue Studien: Mehr junge Menschen als prognostiziert erwerben die Hochschulreife und wollen auch studieren. Die Bildungsbeteiligung steigt erfreulich wie gewünscht, doch die Hochschulen stehen vor einem Dilemma. "Wir sind am Anschlag", so der Vorsitzende der Konferenz der hessischen Fachhochschulpräsidien, Günther Grabatin.

Nach einer Schüler-Befragung des HIS Hochschul-Informations-Systems ein halbes Jahr vor Schulabgang wollen zwischen 55 und 77 Prozent der Studienberechtigten aus dem Jahr 2010 auch studieren - das sind fünf Prozentpunkte mehr als bei der vorherigen Untersuchung 2008.

Diesen Trend hat auch das Centrum für Hochschulentwicklung CHE Consult beobachtet. Es stellt einen "deutlich besseren Übergang von der Schule in die Hochschule" fest und rechnet bis 2015 mit bis zu 500.000 zusätzlichen Anfängern. "Es fehlt die Finanzierung für rund 175.000 potenzielle Studienanfänger", warnt Christian Berthold vom CHE. Allein im Studienjahr 2011 könnte es an mindestens 50.000 Erstsemester-Plätzen mangeln.

"Es müssen alle Kräfte angespannt werden", so HRK-Präsidentin Wintermantel. Dabei haben die Hochschulen bereits in den vergangenen Jahren viel geleistet. Mit dem Hochschulpakt I für die Jahre 2007 bis 2010 sollten sie 91.000 zusätzliche Studienanfänger aufnehmen - stattdessen wurden es 182 000 Plätze. "Die Hochschulen haben damit eine enorme Kraftanstrengung geleistet", sagte Wintermantel. So hätten sie verstärkt Personal eingestellt, Räume angemietet, die Infrastruktur verbessert sowie die Vorlesungszeiten flexibilisiert.

Zugleich sind den Hochschulen nicht in allen Bundesländern die im Hochschulpakt vereinbarten Mittel sicher. Zwar bekräftigte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im Juni, dass der Bund seine 4,7 Milliarden Euro bereitstellt. Wintermantel sagte aber: "Wir hoffen, dass auch die Länder ihre Verantwortung wahrnehmen und ihren Verpflichtungen nachkommen." Einige Länder hätten den Hochschulen in der Vergangenheit an anderer Stelle wieder Mittel gestrichen. Solche "kompensatorischen Kürzungen" dürften nicht sein.

Universitäten und Fachhochschulen stehen vor dem Dilemma, mehr Studienbewerber aufzunehmen und gleichzeitig die Qualität der Ausbildung sicherzustellen. Daher drosseln viele Hochschulen bereits zum Wintersemester 2011 mit einem Numerus clausus den Zugang zu mehr Studiengängen, wie eine dpa-Umfrage ergab.

Über die soziale Dimension der Entwicklung sorgt sich das Deutsche Studentenwerk (DSW). Sein Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde wirft der Politik vor, Wohnheime und Hochschulgastronomie nicht ausgebaut zu haben. Notwendig sei jetzt ein entsprechendes Sonderprogramm. Denn falls tatsächlich mehr Studienanfänger als zunächst erwartet kämen, könnten bis zu 35.000 Wohnheimplätze fehlen.

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