Ärzte Zeitung, 19.10.2011

Den Hausarzt hat sie im Blut

Seit sie denken kann, kennt Anne Magdalene Reineck den Beruf des Hausarztes. Schon als Dreijährige hat sie in der Praxis ihres Vaters Patienten untersucht - mit ihrem Kinderarztkoffer im Wartezimmer. Ihr wurde schnell klar: Ich will selbst Ärztin werden!

Von Kerstin Mitternacht

"Viele haben ein falsches Bild vom Hausarzt"

,,Besonders am Herzen liegt mir die menschliche und langjährige Beziehung zu den Patienten", sagt Anne Magdalene Reineck.

© MLP Finanzdienstleistungen AG

WIESLOCH. "Dass ich Arzt werde, stand schon lange fest", sagt Medizinstudentin Anne Magdalene Reineck. Sie ist Gewinnerin des Sonderstipendiums Hausarzt bei "Medical Excellence", dem Stipendienprogramm des Finanzdienstleisters MLP.

Bereits im Alter von drei Jahren hat Reineck in der Praxis ihres Vaters Patienten untersucht - natürlich nur mit ihrem Kinderarztkoffer im Wartezimmer.

Bis zum Abitur jede freie Minute in der Arztpraxis

Aber seitdem ist sie vom Arztberuf fasziniert und hat bis zum Abitur jede freie Minute in der Arztpraxis ihres Vaters verbracht. Seit 2006 studiert sie an der Ludwig-Maximilian-Universität in München Medizin.

Während ihres Studiums hat Reineck festgestellt, dass viele Kommilitonen ein falsches Bild vom Beruf des Hausarztes haben.

"Im Studium fehlt der Einblick in die Hausarzttätigkeit", sagt die junge Medizinerin. Eine Woche eine Hausarztpraxis zu besuchen ist verpflichtend während des Studiums, aber das sei zu wenig, um die schönen Seiten des Berufes kennen zu lernen.

Auf dem Land ist alles etwas persönlicher

Einen großen Unterschied gibt es zudem zwischen Praxen in der Stadt und auf dem Land: "Auf dem Land ist die Arbeit sehr persönlich. Es geht familiär zu, und der Arzt nimmt sich Zeit für seine Patienten", berichtet sie von ihren Erfahrungen.

In der Stadt hat ein Arzt ihr erst einmal von den teuren Praxisräumen berichtet und gesagt, dass sich Hausbesuche nicht lohnen und er dafür auch keine Zeit habe. "Dabei finde ich es wichtig, die Patienten auch zu Hause zu besuchen, um zu sehen, wie sie leben."

Menschliche und langjährige Beziehung zu den Patienten liegt ihr am Herzen

Besonders am Herzen liegt ihr die menschliche und langjährige Beziehung zu den Patienten. "Als Hausarzt betrachtet man den ganzen Menschen. Der Arzt ist bei der Geburt dabei, der Hochzeit und auch wenn ein Patient stirbt."

Dieses Gesamtbild fehle ihr in anderen medizinischen Bereichen. Daher würden Ärzte oft nur den Akutfall sehen, aber nicht, wie es danach mit dem Patienten weitergeht, so Reineck.

Vier Wochen bei einer Hausärztin in Vancouver

Die Studentin hat auch Erfahrungen im Ausland gesammelt. Nach dem Abitur war sie für ein Jahr als Au-pair in Kanada.

Während ihres Studiums hat sie dann noch einmal vier Wochen eine Hausärztin in Vancouver begleitet, um einen Einblick in die Versorgung dort zu erhalten. "Das System ist in Kanada ganz anders", sagt sie.

In USA läuft es anders

Dort begleite der Hausarzt "General Practitioner" von Geburt bis zum Tod seine Patienten. "Außerdem nehmen sich Ärzte dort unheimlich viel Zeit für ihre Patienten, mindestens 30 Minuten und es wird unheimlich viel geredet."

Jedoch machten die Ärzte keine Untersuchungen, weder EKG noch Blutabnahmen, dafür würden die Patienten in Labore überwiesen, so Reineck.

Der Arzt entscheidet also nur, wo der Patient hingeht. "Es war für mich eine sehr gute Erfahrung zu sehen, wie es woanders läuft", sagt Reineck. Um eine eigene Linie zu finden, sei es sowieso gut, so viele verschiedene Ärzte wie möglich zu erleben, meint sie.

Die Studentin betreut Behindertenwohnheime

Reineck engagiert sich neben dem Studium auch noch stark im sozialen medizinischen Bereich.

So besucht sie gemeinsam mit ihrem Vater schon seit Jahren regelmäßig Behindertenwohnheime in der Umgebung der Praxis, um dort die Bewohner zum Beispiel zu impfen oder über verschiedene Themen, wie Ernährung aufzuklären und zu beraten. "Ich habe selbst einen geistig behinderten Bruder, der auch in einem Heim wohnt, daher haben meine Familie und ich auch einen persönlichen Bezug."

Für einen solchen Besuch kommt sie auch gerne mal extra aus München in ihre Heimat Niedersachsen gefahren.

Einstieg in die Praxis ihres Vaters ist möglich

Wenn sie mit ihrem Studium fertig ist, besteht die Möglichkeit in die Arztpraxis ihres Vaters einzusteigen. "Ich habe im April einen Monat dort gearbeitet, um zu schauen, wie es ist", sagt Reineck.

"Dabei habe ich die Patienten behandelt, bei denen ich als Kind auf dem Schoß saß, das war schon erst einmal ein komisches Gefühl", berichtet sie.

Mit dem Geld aus dem Stipendium wird Bücher gekauft

Mit dem Geld aus dem Stipendium - 500 Euro pro Monat für ein halbes Jahr - wird sie sich neue Bücher anschaffen. Außerdem möchte sie für einen Teil des PJ ins Ausland.

"Ich habe mich für Barbados und die Schweiz beworben, mal sehen, was klappt", sagt Reineck.

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"Ärzte werden nicht mehr Millionäre"
Stipendiaten bestechen nicht nur durch Uni-Leistung

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Hausarzt - der unbekannte Beruf

[20.10.2011, 12:04:42]
Dr. Jürgen Schmidt 
"Berufung" und Zulassungskriterien in früherer Zeit
Als sich die eine oder andere medizinische Fakultät noch die Mühe machte, ihre Studenten nach eigenen Maßstäben selbst auszusuchen und sich nicht nur am Abiturnotendurchschnitt zu orientieren, so z.B vor 50 Jahren in Hamburg, saßen die 150 Bewerber an zwei nacheinander aufzusuchenden Tischen für eine halbe Stunde jeweils vier hochrangigen Hochschullehrern gegenüber. Die Ordinarien und Leitenden Oberärzte waren sich nicht zu schade, um die 40 Studenten auszusortieren. Die Auswahl dauerte Wochen.

Die Erfragung des Motivs, Arzt werden zu wollen, begann erst, nachdem man sich ein allgemeines Persönlichkeitsbild und einen Eindruck vom Bildungsstand gemacht hatte. Wer seinen Tiefgang mit Interesse für die Philosophie zu untermauern trachtete, wurde sofort mnit gezielten Fragen nach seinen Kenntnissen konfrontiert. Wer andereseits glaubte, seine unbedingte Berufung bekennen zu sollen, war schon fast erledigt und setzte sich Fragen (vor allem von den Psychiatern) aus, denen die wenigsten standhielten.

Begabung, Interesse und vor allem Verantwortungsgefühl und die glaubhafte Selbstverpflichtung zu harter Arbeit schienen die Hauptkriterien zu sein, mit der die begehrte Zulassung erreicht werden konnte.
Jene, die dem Reiz des weißen Kittels und dem Wunsch erlegen waren, nicht nur Autorität, sondern wohl auch eine gewisse berufliche Macht zu genießen, wurden erbarmungslos heraus gefiltert. Eine pubertäre Obsession wäre nach wenigen Minuten lächelnd verabschiedet worden.  zum Beitrag »

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