Ärzte Zeitung, 18.06.2013

Kommentar zur Behandlungsfehlerstatistik

Opfer der eigenen Fehler?

Von Anno Fricke

Schon ein vom Patienten unterstellter Behandlungsfehler kann einen Arzt schwer unter Druck setzen. Fachleute sprechen sogar vom "Arzt als zweitem Opfer", der für einen Fehler mit seiner psychischen und emotionalen Gesundheit bezahlt.

Dass es zwei vorgerichtliche Instanzen - die der Krankenkassen und die der Ärztekammern - gibt, die von Patienten vorgetragene Verdachtsfälle auf Behandlungsfehler neutral prüfen, ist daher sowohl für möglicherweise geschädigte Patienten als für die betroffenen Ärzte gut.

Die Verfahren machen nämlich deutlich, auch den Patienten und deren Angehörigen, dass Komplikationen und unerwünschte Behandlungsergebnisse oft Teil der Krankheit sind, und nicht zwingend der Diagnose und Therapie zuzuschreiben sind.

Die Kassen haben erst vor Monatsfrist eingeräumt, dass auch die tatsächlich festgestellten Fehler oft das Ergebnis einer Kette von Versäumnissen in komplexen Mechanismen seien. Und in dieser Kette ist der Arzt nur ein Glied.

Es ist realitätsfern, ein fehlerfreies System zu fordern. Dennoch sind alle Beteiligten aufgefordert, an der Fehlerminimierung - Stichworte Arbeitszeiten, Abläufe und Personalschlüssel - weiter zu arbeiten, um Patienten, aber auch die Ärzte vor Behandlungsfehlern zu schützen.

Lesen Sie dazu auch:
Behandlungsfehler: Ärzte vermehrt unter Verdacht

[18.06.2013, 18:05:25]
Dr. Manfred Stapff 
Qualitätsniveau des deutschen Gesundheitswesens
Wie im Artikel richtig erwähnt, geht es nicht um die Messung individueller Fehler von einzelnen sondern um die Qualität des gesamten Systems. Allerdings ist "Behandlungsfehler im Promillebereich" eine sehr vage Beschreibung für die Qualität eines Systems, in dem Fehler letale oder irreversible Konsequenzen haben können. 1889 Fehler bei 558 Millionen Fällen klingt als "99,9997 prozentige Qualität" beeindruckend und selbst unter Einbeziehung der etwa zwanzigfach höheren Dunkelziffer mit 99,993% immer noch sehr gut, doch kaum jemand kann sich unter diesen Zahlen etwas konkretes vorstellen, und transparente Vergleiche sind schwer möglich. Aus diesem Grund wird seit vielen Jahren in verschiedensten Industrie- und Servicebereichen die Six Sigma Methodologie verwendet. Das deutsche Gesundheitswesen arbeitet demnach (umgerechnet) in etwa bei 6 Sigma, was ein industrie-übergreifend angestrebtes durchschnittliches Qualitätsziel darstellt. Nimmt man jedoch die Dunkelziffer dazu, sinkt das Qualitätsniveau schon auf 5,3 Sigma ab. Zum Vergleich: Die Luftfahrtindustrie arbeitet nach 7 bis 8 Sigma, ein extrem hoher Qualitätsstandard, der sich in Prozentzahlen nicht mehr vernünftig darstellen läßt.
Es scheint also sicherer zu sein in ein Flugzeug zu steigen als zum Arzt zu gehen. Trotz dieses Rückstandes in der Qualität wird das deutsche Gesundheitsystem immer mehr nach wirtschaftlichen, nicht nach qualitativen Gesichtspunkten gesteuert und geregelt - eine Strategie, die in der Luftfahrt Empörung hervorrufen würde. Man stelle sich vor, für eine Triebwerksreparatur würde der Zulieferer gezwungen eine Billigkopie zu liefern anstatt des Original-Ersatzteils; oder: Piloten würden überdurchschnittliche Treibstoffkosten vom Einkommen abgezogen, die Zeit für eine sorgfältige Flugvorbereitung würde nicht honoríert, etc...  zum Beitrag »

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