Ärzte Zeitung online, 24.12.2013

Arzthaftpflicht

Kliniken in der Bredouille

Die Erhöhung der Selbstbehalte in der Haftpflicht scheint für viele Kliniken ein Weg zu sein, die steigenden Prämien der Versicherer aufzufangen. Doch damit steigen zugleich die Risiken. Wären höhere Fallpauschalen in manchen Disziplinen die Lösung?

Von Ilse Schlingensiepen

Viele Kliniken tun sich schwer mit den steigenden Prämien

Stempel drauf, oder doch besser ein höherer Selbstbehalt?

© Kautz15 / fotolia.com

DÜSSELDORF. Auch wenn es nur noch wenige Anbieter im Markt gibt, brauchen die deutschen Kliniken keine Angst zu haben, ohne Haftpflichtdeckung dazustehen. Klar ist aber: Der Versicherungsschutz wird teurer.

Der Rückzug der Zurich und der Sparkassenversicherung Stuttgart aus der Krankenhaushaftpflicht hat Spuren hinterlassen. Kliniken, die zu einem anderen Versicherer gegangen sind, mussten Prämiensteigerungen von 60 Prozent bis über 100 Prozent in Kauf nehmen.

"Die beiden Versicherer haben das Geschäft aufgegeben, weil sie viel zu niedrige Prämien hatten", sagte Manfred Klocke, Geschäftsführer des Versicherungsmaklers Ecclesia, bei einer Veranstaltung in Düsseldorf.

Andere Anbieter haben ihre Bestände saniert, was Anpassungen in Höhe von 30 bis 40 Prozent zur Folge hatte, berichtete er. Ecclesia betreut rund 40 Prozent der deutschen Krankenhäuser in Versicherungsfragen.

Anpassungen um fünf bis zehn Prozent pro Jahr

Nach Vorstellung der Versicherer müssen die Häuser künftig mit Anpassungen von fünf bis zehn Prozent pro Jahr rechnen, sagte Klocke. Damit wollen die Unternehmen die erwartete Entwicklung bei den Entschädigungen und den Kosten im Gesundheitswesen abbilden.

Da die Versicherer sich dabei ausschließlich auf die Erfahrungen mit Großschäden stützen, hält Klocke die Prognose für zu hoch. Ecclesia veranschlagt die jährliche Steigerung aus Menge und Inflation mit 4,05 Prozent.

Um den Versicherungsschutz bezahlbar zu halten, erhöhen viele Kliniken die Selbstbehalte, es sinken die Deckungssummen. Während im von Ecclesia vermittelten Neugeschäft im Jahr 2012 noch 45,2 Prozent der Kliniken eine Versicherungssumme von über 10 Millionen Euro hatten, waren es 2013 nur noch 6,2 Prozent.

"Die Krankenhäuser laufen bewusst das Risiko, einen Großschaden selbst tragen zu müssen." Insgesamt reduzierte sich die von den Unternehmen bereitgestellte Deckung von 1,9 Milliarden Euro auf 1,3 Milliarden Euro.

Hohe Deckungssummen erhöhen die Prämien

10 Millionen Euro sollte nach Einschätzung von Klocke eigentlich die Mindestsumme sein. Die Versicherer nehmen aber für die hohen Summen deutlich höhere Prämien. So reduzieren sie ihr Großschaden-Risiko.

Angesichts der steigenden Belastung durch die Versicherungsprämien sehen manche Kliniken in der Selbstversicherung einen Ausweg.

Klocke ist skeptisch. Die Zurich habe nach der Trennung von dem Krankenhausgeschäft einmalig 500 Millionen Euro zurückgestellt, um weiterhin Schäden begleichen zu können, sagte er.

"Stellen Sie sich so ein Szenario bei einem Monoliner vor, der von Krankenhäusern getragen wird und nicht durchhält", warnte er. Ein Monoliner ist ein Versicherer, der nur in einer einzigen Sparte tätig ist.

Höhere Fallpauschalen in der Geburtshilfe könnten helfen

Ecclesia hat einen Vorschlag entwickelt, der den Krankenhäusern zumindest im Bereich der Geburtshilfe, wo es mit Abstand die meisten Großschäden gibt, finanziellen Spielraum für die ausreichende Deckung verschaffen könnte: Die Krankenkassen und die privaten Krankenversicherer müssten die für eine Geburt gezahlten Fallpauschalen um rund 350 Euro erhöhen.

Dieses Modell hält auch Andreas Wagener, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, für sinnvoll. "Wenn die Versorgung aufrecht erhalten werden soll, muss auch die Versicherbarkeit gegeben sein", sagte er.

Noch gebe es bei den Kliniken keinen Versicherungsnotstand, bislang habe jede Klinik eine Deckung finden können. Es müssten aber Lösungen für die Probleme der Häuser gefunden werden, sagte er.

"Der Hauptansatzpunkt ist die Berücksichtigung der Risikokosten bei der Finanzierung." Auch andere Branchen würden ihren Kosten auf die Preise umlegen.

Wäre ein Haftungsfonds für Geburtsschäden die Lösung?

Dr. Larissa Thole, Referentin im Bundesjustizministerium, sprach von einem Dilemma. Den berechtigen Ansprüchen geschädigter Patienten stehe die drohende Überforderung manchen Kliniken durch steigende Haftungssummen gegenüber. "Man muss ein Modell finden, in dem die Lasten gerecht verteilt werden."

Zwar gebe es eine Reihe von Ansätzen, die dabei diskutiert werden. "Bislang hat die Politik keine Lösungsmöglichkeit entwickelt, um der Problematik Herr zu werden", berichtete sie.

Thole präsentierte einen eigenen Vorschlag: die Einrichtung eines Haftungsfonds für Geburtsschäden. Dieser Fonds sollte bei Behandlungsfehlern durch Gynäkologen oder Hebammen eintreten. Es liege im gesamtgesellschaftlichen Interesse, die Belastungen bei diesen Schäden auf mehrere Schultern zu verteilen.

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