Ärzte Zeitung, 03.05.2013

1000 Tipps für die Arzthelferin

"Eine Praxis ist kein Verein, der von Spenden lebt"

Sie hat geschafft, was nur ganz wenigen Kolumnisten in Zeitungen vergönnt ist: Mit ihren "Tipps für die Arzthelferin" hat Theresia Wölker 1000 Kolumnen in der "Ärzte Zeitung" gefüllt. Wie sich der Beruf gewandelt hat und welche Perspektiven Fachangestellte in Praxen heute haben, darüber äußert sich Wölker im Interview.

Das Interview führte Hauke Gerlof

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Der Alltag in den Praxen hat sich stark gewandelt. Die Kolumnistin Theresia Wölker hat den Wandel schon fast 25 Jahre begleitet und Tipps gegeben, wie Medizinische Fachangestellte sich im Praxisteam dabei positionieren können.

© Klaus Rose

Ärzte Zeitung: Frau Wölker, "Sprechstundenhilfe", "Arzthelferin", "Medizinische Fachangestellte (MFA)" - in den vergangenen 25 Jahren hat sich der Name des Assistenzberufs für Ärzte mehrfach geändert. Ist das Ausdruck eines tief greifenden Wandels im Berufsbild, oder sind Namen letztlich doch nur Schall und Rauch?

Theresia Wölker: Es hat sicher einen Wandel der Berufsausübung in der Praxis gegeben. Dennoch: Ich persönlich kann mich mit dem Begriff MFA nicht so recht anfreunden. Zum einen sind die Fachangestellten umgangssprachlich in vielen Praxen immer noch die "Arzthelferinnen", die "Sprechstundenhilfe" ist zum Glück schon lange passé.

Aber sind MFA heute nicht viel mehr als Angestellte? Sie müssen Prozesse leiten und steuern, sie sind Assistentinnen, manchmal sogar Managerinnen - für mich ist der Begriff Mitarbeiterin eigentlich der emanzipiertere als Fachangestellte.

Wie hat sich das Verhältnis des Arztes zur MFA geändert?

Eine Arzthelferin - oder eben die MFA - hilft sicher immer noch im Praxisbetrieb. Aber es ist viel mehr geworden: Die Mitarbeiterinnen arbeiten zu, sie haben - gerade in größeren Praxen - ganz klare Aufgabengebiete, die sie selbstständig leiten und für die sie dann auch gerade stehen.

Sie sind QM-Beauftragte und leiten den Praxisempfang - viele bezeichnen sich daher zu Recht als Praxismanagerin. Es geht generell nicht mehr darum, darauf zu warten, was der Praxischef anordnet, und dass die Mitarbeiterin es machen soll.

Vielmehr ist die Fähigkeit zur Selbststeuerung heute eminent wichtig - wobei es nicht weniger wichtig ist, auch für sich selbst gut zu sorgen und sich nicht komplett zu verausgaben. Das ist für viele MFA - wie in anderen helfenden Berufen auch - nicht einfach.

Was muss eine MFA heute können, um in einer modernen Arztpraxis maßgeblich zum Erfolg beizutragen?

Voraussetzung ist, Sachaufgaben wie Injektionen bis hin zu hoch spezialisierten Aufgaben in einzelnen Fachgebieten routiniert und professionell auszuführen. Dafür gibt es ja auch spezielle Fortbildungscurricula. Hinzu kommt, dass MFA in der Lage sein sollten, soziale Prozesse zu steuern und schwierige Situationen zu meistern.

Theresia Wölker

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© privat

Aktuelle Position: seit 1989 Autorin der Kolumne Tipps für die Arzthelferin in der "Ärzte Zeitung"; eine der profiliertesten Praxisberaterinnen Deutschlands und Trainerin im Gesundheitswesen. Wölker lebt in Bendorf am Rhein.

Werdegang: diplomierte Krankenschwester, langjährige Erfahrungen im Praxis- und Klinikalltag, seit 1989 Referentin auf Seminaren im Gesundheitswesen.

Weitere Aktivitäten: lizenzierte QEP-Trainerin mit Zusatzqualifikation "Ärztliches Qualitätsmanagement", Auditorin und EFQM-Assessorin, erfolgreiche Buchautorin (u.a. "Checklisten für die Arztpraxis").

Privates: seit mehr als 30 Jahren mit einem Arzt verheiratet; Hobbys: Lesen, Gärtnern, Musik hören, Wandern, Yoga.

Viele Patienten sind heute viel selbstbewusster als früher. Zu akzeptieren, dass Patienten Partner auf Augenhöhe sind und in der Hektik des Praxisalltags manchmal schwer zu erfüllende Forderungen stellen, das fällt vielen schwer.

Empathie mit dem Patienten allein reicht nicht, wenn gleichzeitig die Wut über denselben Patienten aufsteigt, weil es einen Konflikt gibt.

Müssen sich MFA auch stärker spezialisieren als früher? Und welche Rolle spielt das wirtschaftliche Denken in der Arbeit einer MFA?

Eine Praxis ist sicher kein Verein, der von Spenden lebt, sondern ein betriebswirtschaftliches Unternehmen. Das müssen sich alle Mitarbeiter einer Arztpraxis immer wieder vor Augen führen. Jeder muss sich überlegen, wie er oder sie ganz konkret den wirtschaftlichen Erfolg befördern kann.

Dabei geht es für jede Mitarbeiterin darum, ein Alleinstellungsmerkmal für ihre Arbeit in der Praxis zu entwickeln - nett und freundlich sein, das können viele. Ganz wichtig - und in der Ausbildung immer noch zu wenig berücksichtigt - ist ein versierter Umgang mit den Gebührenordnungen, mit dem EBM und besonders auch mit der GOÄ.

Viele Fachangestellte können zum Beispiel mit dem Begriff analoge Abrechnung nur wenig anfangen, das stelle ich in meinen Veranstaltungen immer wieder fest.

MoNi, Verah, Agnes und Co - wie schätzen Sie die Bedeutung von Zusatzqualifikationen, die den Hausarzt entlasten, ein? Können sich MFA hier neu positionieren?

Alles steht und fällt mit der adäquaten Honorierung delegierfähiger Leistungen. Wenn sich so spezialisierte Leistungen für die Praxis betriebswirtschaftlich lohnen, dann kann das für eine MFA neue Perspektiven bringen - die Verah, die ja in den Hausarztverträgen gefördert wird, ist da ein schönes Beispiel, eine echte Erfolgsgeschichte.

Andere wichtige Alleinstellungsmerkmale bleiben die Spezialisierung auf Gesundheitsförderung, etwa Impfen, Diätberatung, Stressberatung, sozialmedizinische Angebote. Auch IGeL sind und bleiben ein Thema in Arztpraxen, auch wenn öffentlich so stark dagegen gearbeitet wird.

In der Pflege gibt es gerade die Diskussion über eine Akademisierung des Berufes. Ist diese Tendenz auch für MFA zu erwarten?

Da bin ich skeptisch. Wo sollen ausreichend qualifizierte Kräfte herkommen? Derzeit nimmt der Anteil gering Qualifizierter bei den Azubis eher zu, viele haben zum Beispiel nur schlechte Sprachkenntnisse. Ich glaube daher nicht, dass wir sehr viele gute Nachwuchskräfte bekommen werden.

Und auf der anderen Seite: Wer würde die Arbeit von hoch qualifizierten MFA bezahlen, die sich zum Beispiel zu Betriebswirtinnen im Gesundheitswesen weiterbilden? Zumindest in kleineren Praxen wäre das eher eine Überqualifikation. In Großpraxen oder Praxisnetzen mag das anders aussehen.

Wie erreichen Arzt oder Ärztin und Mitarbeiterinnen eine erfolgreiche Teamatmosphäre?

Fördern auf der einen Seite und fordern auf der anderen Seite, das muss die Devise sein. Neue Qualifikationen fördern, etwa durch Fortbildung, und Verbesserungen in den Abläufen fordern, zum Beispiel durch die Etablierung - und dann auch Umsetzung! - eines betrieblichen Vorschlagswesens.

Wertschätzung und Feedback zur Arbeit, etwa im Jahresgespräch, werden leider selbst in großen Praxen vernachlässigt. Der neue Tarifvertrag setzt ja gerade zusätzliche Anreize für den Besuch von Fortbildungen. Dabei werden gerade feste Strukturen als Wertschätzung empfunden, es geht dabei nicht so sehr um Geld.

Sehr positiv empfinden es MFA auch, wenn sich die Praxisleitung für die Mitarbeiter engagiert, zum Beispiel in der betrieblichen Altersvorsorge, über Zuschüsse zum Fahrgeld oder ähnliches.

Müssten MFA - damit Praxen auch gute Kräfte bekommen - besser bezahlt werden?

Als Arzthelferin kann man sich im Normalfall nicht selbst "ernähren", diese Aussage stimmt nach wie vor. Aber es braucht individuell eine neue Denke, um in neue Gehaltsstrukturen vorzustoßen.

Zuerst kommt die Frage: Ist das, was ich leiste, messbar? Welche Fortbildungen habe ich besucht? Wo kann ich mehr Verantwortung übernehmen? Wer hier aktiv ist, kann seinen eigenen Marktwert im Gespräch mit der Praxisleitung ausloten - und dann auch zu einer besseren Bezahlung kommen.

Sagen Sie uns Ihre Meinung und gewinnen Sie!

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Von Rhetorik für die Arzthelferin bis zum QR-Code für Praxisteams: Seit Theresia Wölker 1989 ihre ersten "Tips für die Arzthelferin" in der "Ärzte Zeitung" geschrieben hat, haben sich nicht nur die Regeln für die Rechtschreibung geändert.

Seitdem hat sich das Werberecht für Arztpraxen gelockert, und Selbstzahlerleistungen kamen auf; die Informationstechnik eroberte auch die Arztpraxis, und nicht zuletzt haben die neuen Medien seitdem ganz neue Möglichkeiten der Kommunikation mit Patienten geschaffen.

Theresia Wölker hat in ihrer Kolumne alle diese neuen Themen für Praxisteams aufgegriffen. Heute, aus Anlass des Jubiläums, haben Sie das Wort, die Leserinnen und Leser der Kolumne:

Welche Wünsche haben Sie an eine Berichterstattung für Praxisteams in der "Ärzte Zeitung"?

Welche Themen sollten in Zukunft noch stärker berücksichtigt werden?

Über welche Kanäle – außer über die Tageszeitung für Ärzte und ihren Internet-Auftritt – wünschen Sie sich Informationen der "Ärzte Zeitung" für Praxisteams. Haben Sie zum Beispiel Interesse an mobilen Formaten, etwa für Tablet-PC oder Smartphones?

Schreiben Sie uns Ihre Wünsche und Ihre Meinungen und gewinnen Sie! Wir verlosen unter den Einsendern fünf Exemplare des Buches "Arbeitshandbuch Qualitätsmanagement" mit Mustervorlagen und Checklisten für ein gesetzeskonformes QM, geschrieben von Theresia Wölker und Dr. Heike Johannes, erschienen 2012 bei Springer Medizin (Preis: 69,99 Euro).

Schicken Sie uns Ihre Stellungnahmen per E-Mail (wi@springer.com, Stichwort "Tipps für die Arzthelferin") oder per Fax ans Wirtschaftsressort (06102/506266).

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