Ärzte Zeitung, 07.03.2014

Allgemeinmedizin an Unis

Es war einmal ein Mauerblümchen

Ein Fach holt auf: Nach langem Nischendasein sind inzwischen 20 Institute oder Abteilungen für Allgemeinmedizin an deutschen Unis etabliert. Sie beeinflussen die Berufswünsche der Studenten - nachweisbar.

Von Raimund Schmid

haus10c-uni-frankfurt-A.jpg

An 20 von 37 Fakultäten gibt es Institute oder Abteilungen für Allgemeinmedizin.

© Institut für Allgemeinmedizin, Uni Frankfurt/Main

FRANKFURT/MAIN. Jahrzehntelang hat die Allgemeinmedizin an den medizinischen Fakultäten in Deutschland ein Schattendasein geführt. Jetzt scheint das Fach plötzlich auf der Überholspur zu sein.

Mittlerweile konnten an 20 der 37 medizinischen Fakultäten in Deutschland selbstständige Institute oder Abteilungen für Allgemeinmedizin etabliert werden. Für die universitäre Allgemeinmedizin sei dies ein "großer Etappenerfolg", sagt Professor Ferdinand Gerlach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM).

An weiteren sieben Standorten (Lübeck, Oldenburg, Mainz, Homburg, Tübingen, Würzburg, LMU München) wurden Verfahren zur Etablierung ganz neuer Lehrstühle begonnen oder stehen bald bevor.

An weiteren acht Standorten gibt es zwar noch keine Professur, aber zumindest wissenschaftliche Mitarbeiter, die das Fach Allgemeinmedizin vertreten. In Kürze dürfte laut Gerlach das Fach Allgemeinmedizin an zwei Dritteln der Medizin-Standorte akademisch etabliert sein.

Auch fachlich können die Institute für Allgemeinmedizin einer Studie des Münchner Lehrstuhlinhabers Professor Antonius Schneider und Kollegen zufolge mit bemerkenswerten Ergebnissen aufwarten. So sind von 2008 bis 2010 insgesamt 414 Originalarbeiten und wissenschaftliche Reviews erschienen.

Von 2000 bis 2002 waren es gerade einmal 60 Publikationen gewesen. Zudem erscheinen immer mehr Arbeiten aus Universitätseinrichtungen mit Ergebnissen aus deutschen Hausarztpraxen in hochrangigen - zumeist englischsprachigen - Zeitschriften, die einen "Impact-Factor" aufweisen. Davon inzwischen rund ein Drittel in Journalen, deren "Impact-Factor" über 2.0 liegt.

Lehrstühle beeinflussen Wahlfach

Erstmals konnte mit einer Befragung von 940 Studierenden an drei bayerischen Universitäten belegt werden, dass Lehrstühle für Allgemeinmedizin die Neigungen oder Berufswünsche von Studierenden hin zur Allgemeinmedizin befördern.

Nach Angaben von Gerlach sind dabei ein attraktiver und praxisnaher Unterricht sowie der Einbezug der bundesweit 4600 akademischen Lehrpraxen entscheidende Voraussetzungen dafür, damit Studierende eine positive Einstellung für eine spätere hausärztliche Tätigkeit bekommen.

Dies hängt auch damit zusammen, dass immer mehr universitär verankerte Institute praxistaugliche Konzepte für die Allgemeinmedizin entwickeln. In Frankfurt etwa konnten Schwerpunktprofessuren für "Altersmedizin" und "Chronische Krankheiten und Versorgungsforschung" etabliert werden.

Als erstes Institut für Allgemeinmedizin ist der Frankfurter Lehrstuhl zudem nun im Deutschen Konsortium Translationale Krebsforschung mit fünf Projekten im Bereich der onkologischen Versorgung vertreten.

Darin soll untersucht werden, wie der Hausarzt bei Krebspatienten seiner Rolle etwa in der Früherkennung, der Nachsorge oder der Palliativversorgung am besten gerecht werden kann.

Andere allgemeinmedizinische Institute hätten, so Gerlach, wiederum andere Schwerpunkte, womit die mittlerweile große Bandbreite des Faches Allgemeinmedizin untermauert werde.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »