Ärzte Zeitung, 27.06.2014

Medizinstudent 2014

Freiwillige für die Niederlassung gesucht

Tag für Tag arbeiten bis zum Abwinken? Nein danke! Die Vertreter der sogenannten Generation Y haben eigene Wertewelten. Nicht wenige von ihnen studieren heute Medizin. Sind sie für eine Niederlassung geeignet?

Von Christoph Fuhr

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Hände hoch: Wer will sich später mal niederlassen?

© Robert Kneschke / fotolia.com

BERLIN. "Generation Y? Es gibt solche Vertreter und solche … und solche" Dr. Georg Nüßlein, stellvertretender Fraktionschef der CDU im Bundestag, will nicht glauben, dass all die jungen Menschen, die um die Jahrtausendwende Teenager gewesen sind, heute eine weitgehend identische Wertewelt haben. Und Medizinstudenten sind bei dieser Beobachtung aus seiner Sicht nicht ausgenommen.

Charakterisiert werden die Vertreter der Generation Y als junge, selbstbewusste Bürger, die konsequent eine Balance zwischen Beruf und Freizeit anstreben. Mehr Freiräume, mehr Zeit für Selbstverwirklichung ist für sie gefragt, und der Beruf ist nicht mehr das Maß aller Dinge.

Die Zeiten sind hart, es mangelt an Ärzten: Wie können Medizinstudenten von heute mit diesen Wertvorstellungen dazu bewegt werden, sich der harten Realität einer Niederlassung zu stellen? Bei einer Veranstaltung des Hauptstadtkongresses wurde nach Lösungen gesucht.

Arbeit von 9 bis 17 Uhr - sehr gerne

Christian Kraef, Vorstand im Bundesverband der Medizinstudierenden, stellte bei der Diskussion klar, dass es tatsächlich "solche und solche" Vertreter seiner Generation Y gebe. "Ja", sagte er, "wir haben Kommilitonen, die durchaus bereit sind, in Zukunft 60 bis 70 Stunden in der Woche hart zu arbeiten." Aber Kraef weiß: Da sind auch die anderen, die eher eine Arbeit von 9 bis 17 Uhr präferieren würden - etwa als Angestellte.

Und die meisten von ihnen möchten gerne im Team arbeiten. "Praxisgemeinschaften und Medizinische Versorgungszentren kommen gut bei uns an", sagt er. "Wir wollen keine Einzelkämpfer sein, wir schätzen flache Hierarchien, sind offen, wenn es um das Übertragen von Aufgaben geht."

Gerade die Bereitschaft, Aufgaben zu delegieren, ist für die niedergelassene Gynäkologin Dr. Ulrike Bös ein Knackpunkt, wenn es um Lebensqualität geht. Sie ist im Südwesten Deutschlands niedergelassen und beobachtet, dass viele deutsche Ärzte in die Schweiz gehen - die Arbeit dort sei attraktiver, auch, weil konsequent delegiert werde.

Es geht um Lebensqualität

Nichts geht ohne Lebensqualität, Belastungs- und Erholungsphasen im Beruf müssen deshalb in einem angemessenen Verhältnis stehen. Davon zeigte sich auch Barbara Lubisch, die Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung, überzeugt.

Sie beobachtet seit langem, dass sich immer mehr ihrer Berufskollegen einen Versorgungsauftrag teilen -, "und es gibt keinen Zweifel, dass diese Tendenz in unserer Berufsgruppe immer stärker zunimmt", sagte sie.

Hans-Jochen Weidhaas, Vorsitzender der KBV-Vertreterversammlung, lieferte bei der Diskussion Argumente, warum die Niederlassung für viele junge Menschen unattraktiv ist: "Die Freiberuflichkeit wird mehr und mehr erschwert", sagte er. "Die therapeutische Freiheit ist eingeschränkt, die Bürokratie nimmt zu."

Weidhaas wies drauf hin, dass auch die Patienten mit ihrer wachsenden Anspruchshaltung den Arbeitsalltag erschweren. Immer mehr vereinbarte Termine zum Beispiel würden nicht eingehalten. Die KBV will jetzt in einer Ärztebefragung ermitteln, wie gravierend die Auswirkungen tatsächlich sind.

Auch Ulrike Bös hält es durchaus für angebracht, bei der Analyse der Probleme das Patientenverhalten stärker mit einzubeziehen. Sie warnte davor, den Patienten als "Kunden" zu betrachten. "Das bringt uns noch mehr ins Hamsterrad und schreckt Berufsanfänger ab", warnte sie.

Hessens Kammerpräsident Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach wies als Gast der Veranstaltung beim Stichwort Landarztmangel auf gesellschaftliche Entwicklungen hin, für die Ärzte nicht verantwortlich gemacht werden könnten: "Wenn in immer mehr Dörfern die Post zumacht, Geschäfte verschwinden und die Schulen geschlossen werden - warum soll dann der Arzt dableiben und das Licht anlassen?", fragte er.

Freifahrtschein fürs Studium?

Über die Frage, welche Barrieren wie abgebaut werden müssen, damit mehr jungen Menschen in die Niederlassung gehen, lässt sich streiten. Bei der Eröffnung des Hauptstadtkongresses etwa hatte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe über Überlegungen berichtet, jungen Menschen den Zugang zum Medizinstudium zu erleichtern, die sich von vorneherein auf die Niederlassung als Allgemeinarzt festlegen.

Sein Parteifreund Nüßlein mahnte allerdings zur Vorsicht. Die Sache habe einen Haken, sagt er. Die Umsetzung sei hoch komplex. Er warnte vor Studenten, die sich dann doch wieder auf Schleichwegen ins Studium einklagen könnten.

Studentenvertreter Kraef war für den Gröhe-Plan ohnehin nicht zu begeistern. Dass Abitur-Noten alleiniger Maßstab fürs Studium sein sollen, findet er zwar nicht gut. Aber es könne auch nicht angehen, dass der Zugang zum Studium politisch mit dem Ziel gesteuert werde, einen Mangel an Allgemeinärzten zu kompensieren.

Kraef berichtet schließlich über eine Entwicklung, die im Plenum dann doch für ein wenig Verblüffung sorgte. Er hat beobachtet, dass das Interesse seiner Mitstudenten am Hausarztberuf in den vergangenen Jahren durchaus gewachsen ist. Diverse Werbeaktionen haben offenbar ihre Wirkung nicht verfehlt.

Aber das ist nicht der einzige Grund: "Wir beobachten eine Diskrepanz", sagte er. "Da ist die Wahrnehmung, dass der Hausarzt von den Bürgern im Land hoch, von den Arztkollegen hingegen überhaupt nicht geschätzt wird."

Die Konsequenz: Viele Studenten denken offener und bewusster über die Chancen der Allgemeinmedizin nach.

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