Ärzte Zeitung, 27.01.2017

Patientenumfrage

Ärzte erläutern Medikationspläne zu wenig

Eine Stichprobe unter mehr als 100 Patienten zeigt: Die Mehrheit bescheinigt dem Medikationsplan einen hohen Nutzen. Allerdings hapert es noch an den Erklärungen der Ärzte.

Von Ilse Schlingensiepen

Ärzte erläutern Medikationspläne zu wenig

Der optimale Fall: Ärzte erklären ausführlich den Medikationsplan.

© Alexander Raths / Fotolia

KÖLN. Die Ansichten der Patienten und der niedergelassenen Ärzte über den Medikationsplan gehen weit auseinander: Die Patienten halten das Instrument für sehr nützlich, für viele Ärzte ist es dagegen nur eine lästige Pflichtübung.

Die Mediziner sollten dennoch versuchen, konstruktiv mit dem Thema umzugehen, sonst vertun sie eine Chance, rät Klaus-Dieter Thill, Leiter des Düsseldorfer Instituts für betriebswirtschaftliche Analysen, Beratung und Strategie-Entwicklung (IFABS).

Zu oft kommentarlos erstellt

Das IFABS hat über Praxisanalysen und von Patienten im Internet ausgefüllte Fragebögen eine erste Auswertung zum Thema Medikationsplan erstellt. Von den 116 einbezogenen Patienten stuften 70 Prozent den Nutzen als sehr hoch oder hoch ein, berichtet Thill.

Enttäuscht waren viele Patienten darüber, wie die Ärzte mit dem für sie so wichtigen Thema umgehen. Auf einer Skala von 0 ("der Arzt hat den Plan schnellstmöglich, kommentarlos und nebenher erstellt) bis 10 ("Der Arzt hat sich Zeit genommen und begleitende Informationen/Erklärungen gegeben") bewerteten die Patienten das Verhalten im Schnitt mit einer 2,3.

Die Fallzahl ist nicht sehr groß, und in solchen Befragungen äußern sich Unzufriedene überdurchschnittlich häufig, weiß Thill. Dennoch sollte man die Tendenz, die sich in der Auswertung zeigt, ernst nehmen. "Sie entspricht dem, was auch aus unseren Gesprächen mit Ärzten hervorgeht."

Aufgezwungene Pflicht für viele Ärzte

Viele Ärzte sehen nach seiner Erfahrung in dem Medikationsplan eine vom Gesetzgeber aufgezwungene Pflichtübung, die zusätzliche Bürokratie bringt und noch dazu schlecht bezahlt wird, sagt der Praxisberater. "Wenn sie sich von diesem Bild nicht lösen, verkennen die Mediziner den Nutzen des Instruments und die Chancen für die eigene Praxis."

Nach der Erfahrung Thills dominieren bei den Ärzten im Umgang mit dem Medikationsplan der Zeit-Kosten-Effekt und eine zielorientierte Betrachtung: die Auflistung der Arzneimittel.

Das sei unter dem Aspekt der Patientenführung aber zu wenig, betont er. "Ärzte verschenken mit diesem Verhalten eine Vielzahl von Möglichkeiten zur medizinischen Qualitätssicherung, zur Patientenbindung und zur Imagebildung."

Mehr über Selbstmedikation erfahren

Viele Mediziner leiten nach seiner Erfahrung das Gespräch über den Medikationsplan mit Formulierungen ein wie "wir müssen ja auch noch Ihren Medikationsplan erstellen" oder "dann lassen Sie uns noch schnell Ihren Medikationsplan aufstellen".

Das sei häufig programmatisch für den weiteren Verlauf: Die in der Praxis verordneten Arzneimittel werden aufgezählt, weitere Medikamente eventuell knapp erfragt und die Erstellung des Plans abgeschlossen. Bei den Patienten komme das nicht gut an

 Mit einem ausführlicheren Gespräch über die verordneten Arzneimittel könnte der Arzt die Compliance erhöhen, sagt er. Zudem würde er mehr über die Selbstmedikation des Patienten und Verordnungen anderer Ärzte erfahren. "Er kann Informationen erhalten, die wichtig für die Therapie sind."

Auch wenn die Ärzte sorgfältig mit dem Medikationsplan umgehen, müssen sie keine zu große zeitliche Belastung fürchten, schätzt Thill. Er sei ja längst nicht bei jedem Patienten ein Thema. "Bislang hat uns noch kein Arzt gesagt, dass es durch den Medikationsplan zu großen Verzögerungen gekommen sei."

Mit vergleichsweise wenig Aufwand lässt sich nach seiner Ansicht viel für die Patientenbindung tun. Thill: "Der Medikationsplan ist ein Instrument, mit dem man Sorgfalt und Zuwendung signalisiert."

Das sollten Ärzte schon deshalb im Blick haben, weil viele Patienten sich im Internet häufig über Arzneimittel informieren. "Der Medikationsplan ist eine Möglichkeit, sich positiv von Internetquellen abzugrenzen."

[27.01.2017, 11:26:12]
Henning Fischer 
Nachtrag: Trinkgeld

bekanntlichermaßen überschätzen Patienten die ärztlichen Honorare um das 5 bis 10-fache. Wer mal bei Behörden oder Notaren für einfache Dokumente blechen mußte weiß, daß da schnell ein paar hundert oder tausend Euro zusammenkommen.

Somit hat es die KBV tatsächlich geschafft, für den Medikationsplan eine Vergütung in Höhe von Trinkgeld zu erreichen (üblich etwa 10-15%).

Ich habe um die tausend Euro investiert, stelle die Pläne an einem Arbeitsplatz mit 2 Bildschirmen zusammen (links der alte, rechts der neue Plan), eine Tätigkeit, die höchste Konzentration und Verantwortung erfordert. Für ein Honorar, das eher Almosen ist.

Wieder einmal haben es Politik und KBV geschafft: wertvolle Leistung für minimale Bezahlung. Und die Kassenärzteschaft läßt es sich wieder einmal gefallen.


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[27.01.2017, 08:42:12]
Henning Fischer 
bei der schändlich schlechten Bezahlung

braucht man sich über mangelnde Akzeptanz nicht wundern.

Ich würde es als fortgesetzten Betrug an der Ärzteschaft bezeichnen.
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