Ärzte Zeitung, 06.07.2009

E-Card-Bilanz vor der Sommerpause: Jetzt heißt es für Ärzte und Hersteller nachsitzen

Grund zum Jubeln haben die Beteiligten am Feldtest der E-Card in der Region Bochum-Essen nicht. Nach zwei Jahren Erprobung können sie sagen: Die Technik hat sich bewährt und das Einlesen der Versichertenstammdaten klappt. Das war es aber auch schon.

Von Ilse Schlingensiepen

Angelika Schneider war die erste Patientin mit Testkarte.

Foto: dpa

"Wie haben jetzt zwei Jahre getestet und müssen feststellen, dass es zwar funktioniert, aber bei weitem nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten", sagt der Ärztliche Projektleiter Dr. Hans-Peter Peters. "Die Ergebnisse sind nicht geeignet, um euphorisch zu werden", räumt auch Martin Litsch ein, Vorstandsvorsitzender der AOK Westfalen-Lippe und Vorsitzender der "Arbeitsgemeinschaft zur Einführung der elektronischen Gesundheitskarte und des Heilberufsausweises in der Region Bochum- Essen für das Land Nordrhein-Westfalen". Ein Ende des Projekts elektronische Gesundheitskarte ist für Litsch dennoch kein Thema. "Wir haben keine Alternative", betont er. "Kein Mensch kann glauben, dass ausgerechnet in der hoch technisierten medizinischen Versorgung keine vernetzte Kommunikation stattfinden wird."

Das E-Rezept verschlingt viel zu viel Zeit

Die Testphase in Bochum-Essen, der sogenannte Release 1, hat gezeigt: Die Arbeit mit dem elektronischen Rezept und dem Notfalldatensatz ist bislang viel zu zeitaufwändig und für den täglichen Einsatz in der Arztpraxis nicht geeignet (wir berichteten). "Die beiden Anwendungen werden noch nicht ausgerollt, sondern weiter getestet und weiterentwickelt", sagt Hermann Abels-Bruns, Projektleiter der Testregion Bochum-Essen. Als einen Grund für die bislang nicht zufriedenstellende Situation sieht Abels-Bruns die Tatsache, dass die Anwendungen beim Beginn der Tests noch nicht völlig ausgereift waren. "Aber der Druck von Politik und Öffentlichkeit war so groß, dass man begonnen hat."

Die beiden Anwendungen werden jetzt überarbeitet und müssen den kompletten Test noch einmal durchlaufen, kündigt Cord Bartels an, Technischer Direktor der Betreibergesellschaft gematik. "Die Einführung darf die Nutzer nicht überfordern oder in ihrer Arbeit behindern." Jetzt gehe es darum, die Stabilität und Nutzerfreundlichkeit der Systeme zu erhöhen.

"Fehler werden repariert, nicht vertuscht."

Erst wenn die Anwendungen in den sogenannten 10 000-er Tests ihre Funktionsfähigkeit unter Beweis gestellt hätten, beginne die nächste Phase mit 100 000 Versicherten. Dort wird geprüft, ob das System auch der höheren Belastung standhält. "Diese Testschritte haben wir noch vor uns, bevor der Online-Rollout beginnt", sagt Bartels. Das Testkonzept erfüllt nach Ansicht von Bartels seinen Zweck: "Fehler werden repariert und nicht vertuscht."

Projektarzt Peters geht hart mit den Herstellern der Praxissoftware ins Gericht. Er könne nicht verstehen, dass einige innerhalb von zwei Jahren nicht in der Lage gewesen seien, praktikable Lösungen zu liefern. "Die Hersteller machen ihre Hausaufgaben nicht und machen dadurch am Ende des Tages ein ganzes System kaputt", schimpft er. Vom Konzept der E-Card ist er nach wie vor überzeugt. "Es gibt im Moment nichts Sichereres als die elektronische Gesundheitskarte in Kombination mit dem Heilberufsausweis und einem sicheren Datennetz wie dem KV-Safenet."

Vor dem Online-Start sollen alle Probleme gelöst sein

Die gematik habe den Dialog mit den Herstellern intensiviert, sagt Geschäftsführer Bartels. Sie würden jetzt besser über das informiert, was auf sie zukommt, und hätten ein Mitspracherecht. "Ich bin zuversichtlich, dass sich die Fehler nicht wiederholen werden."

Gerade den Online-Rollout sähen viele niedergelassene Ärzte skeptisch, sagt der stellvertretende Vorsitzende der KV Nordrhein, Dr. Klaus Enderer. "Ein großer Teil der Ärzte macht sich Sorgen um die Praktikabilität und die Datensicherheit." Der Online-Einsatz dürfe nicht starten, bevor nicht sämtliche Probleme zuverlässig gelöst seien, fordert er.

Die Ausstattung der nordrheinischen Praxen mit Lesegeräten, der sogenannte Release 0, sei davon unabhängig. Die nordrheinischen Kassen haben angekündigt, dass sie im dritten Quartal 2009 damit beginnen werden, die mit einem Foto versehenen E-Cards an ihre Versicherten auszugeben. Die Ärzte müssten die Karten dann auch lesen können, sagt Enderer. Sonst bestehe die große Gefahr, dass insbesondere die Fachärzte das Nachsehen haben, wenn Versicherte verstärkt in die gut mit Lesegeräten ausgestatteten Kliniken und MVZ gehen. "Wir müssen unsere Mitglieder dafür gewinnen, sich mit Lesegeräten auszustatten, damit sie nicht irgendwann im Nachteil sind."

Testregion Bochum-Essen

Am ersten Feldtest der E-Card in Bochum-Essen von Juni 2007 bis Juni 2009 beteiligten sich 31 Ärzte in 24 Praxen, 15 Apotheken und zwei Kliniken. Einbezogen waren 8595 Versicherte. In den Praxen setzten die Ärzte, ohne Anbindung an die Online-Infrastruktur, die Karte, den Heilberufsausweis, Kartenlesegeräte und Konnektoren ein. Sie testeten das Lesen der Versichertenstammdaten, die elektronische Verordnung sowie das Erstellen, Lesen und Löschen von Notfalldaten.(iss)

Lesen Sie dazu auch:
Neue Gesundheitskarte weiter in der Kritik

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Adiopositas-Op nötig, aber Kasse will nicht zahlen

Wenn der Antrag eines Adipositas-Patienten auf eine bariatrische Operation abgelehnt wird, bringt das Ärzte in eine schwierige Situation. Denn oft verschlechtert sich der Zustand des Betroffenen. mehr »

9 wichtige Forderungen, Analysen, Informationen

Fleißige Delegierte: In Freiburg wurde wieder eine große Palette an Themen abgearbeitet. mehr »

Immer mehr Nichtraucher erkranken an Lungenkrebs

In US-Kliniken tauchen immer häufiger Nichtraucher mit Lungenkrebs auf, vor allem Frauen sind betroffen. Das könnte am Passivrauchen liegen. mehr »