Ärzte Zeitung online, 29.11.2011

E-Card: Ärzte rebellieren gegen Online-Pflicht

Nicht mit uns: Vertreter der Ärzteschaft gehen gegen die Pflicht zum Online-Abgleich der Versichertendaten auf die Barrikaden. Den wolle die gematik angeblich handstreichartig beschließen. Die Ärzte fürchten Bürokratie - und Missbrauch.

Ärzte leisten weiter Widerstand gegen Onlineabgleich der Versichertendaten

Muss die E-Card zwingend online? Nein, sagen Vertreter der Ärzteschaft.

© dpa

DÜSSELDORF/STUTTGART (iss/maw). Ärzte warnen davor, den Onlineabgleich der Versichertenstammdaten gegen den Willen der Ärzteschaft einzuführen.

Entsprechenden Bestrebungen der gematik müssen die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung entgegen treten, fordert die Freie Ärzteschaft.

Die gematik, die Betreibergesellschaft der elektronischen Gesundheitskarte, wolle am 5. Dezember auf Betreiben der Krankenkassen die Online-Anbindung "handstreichartig" beschließen, kritisiert der Vizepräsident des Verbands Wieland Dietrich.

"Dafür gibt es keine gesetzliche Grundlage", sagte Dietrich bei der Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein (ÄKNo).

Aufwand bei den meisten umsonst

Im Durchschnitt müssten Praxen rund 1500 Abgleiche pro Quartal durchführen. Nur in 2,3 Prozent der Fälle werde mit einem Änderungsbedarf gerechnet - bei 1465 Patienten erfolge der Abgleich also umsonst, sagte er.

"Damit wird deutlich, was für ein unverhältnismäßiger Aufwand von den Kassen in die Praxen und auch in die Kliniken getragen wird."

Außerdem wird nach Einschätzung von Dietrich mit dem Online-Abgleich dem Missbrauch hochsensibler Patientendaten Tür und Tor geöffnet.

Der Abgleich der Stammdaten müsse weiter ohne Anbindung an die Praxis-Software möglich sein, betonte Dr. Christiane Groß, Vorsitzende des ärztlichen Beirats zur Einführung der Telematik-Infrastruktur in Nordrhein-Westfalen, bei der Kammerversammlung.

ÄKNo-Vorstand soll beraten

"Ich werde mich weiter für die Freiwilligkeit der Online-Anbindung engagieren", versprach sie.

Einen von der Freien Ärzteschaft eingebrachten Antrag gegen die Online-Anbindung verwiesen die ÄKNo-Delegierten zur weiteren Bearbeitung an den Vorstand.

Auch aus anderen Ländern kommt Widerstand. So fordert die Vertreterversammlung der Landesärztekammer Baden-Württemberg die Bundesärztekammer auf, in der Gesellschafterversammlung der gematik die Pläne zur beschleunigten Einführung des Versichertenstammdatenmanagements zurückzuweisen.

"Eine entsprechende Forcierung des Projektes elektronische Gesundheitskarte birgt durch die Inkaufnahme abgesenkter Sicherheitsstandards und abgespeckter Testverfahren große Gefahren für die Datensicherheit", heißt es zur Begründung. Zudem bliebe der bürokratische Mehraufwand unvergütet.

[30.11.2011, 15:06:30]
Dr. Uwe Wolfgang Popert 
Chipbürgerstreich
Anders als von Herrn Günterberg postuliert - die eCard ist impotent!
Der Speicher ist minimal, jeder moderne USB-Stic ist dagegen ein Datenmonster. Es reicht gerade für einen kleinen Datensatz und den Verweis auf eine noch zu schaffende Internet-Datenbank der Patientendaten.

Eine Aktualisierung der Versichertendaten wurde bereits 1995 mit der Einführung der "alten" Chipkarte angekündigt. Die Krankenkassen-Filialen waren damit aber bis heute überfordert, sie stellen lieber 2. und 3. Karten aus. Warum wohl?

Notfalldatensatz? - Arbeitsaufwändiges, aber völlig untaugliches Konzept, denn jeder Zettel ist im Notfall besser lesbar. Die meisten Allergie-Diagnosen müssen sowieso im Klartext angegeben werden, denn im ICD-10 sind sie nicht eindeutig verschlüsselbar.

Fotoidentifikation? - Die Kombination mit einem Personalausweis ist viel sicherer, denn die eGK-Fotos werden ja nicht überprüft. Warum wohl?

Sicherheit? Wenn Gesundheitspolitiker davon wirklich überzeugt wären, würden sie ihre eigenen Daten im Internet speichern. Aber Privatpatienten wurden vom eGK Modell ausgenommen. Warum wohl?

Kosteneinsparungen? Daran glaubt niemand wirklich: die angeblichen Kosteneinsparungen für angebliche Überversorgung wurden nie belegt.
Andererseits rechnet die Industrie mit Milliardenumsätzen.
In England wurden für ein ähnliches Modell zweistellige Milliardenbeträge ausgegeben - kürzlich wurde es gestoppt. Warum wohl?

Haben wir in den Praxen so viel Zeit, Geld oder Personal, um uns diesen Chipbürgerstreich leisten zu können?

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[29.11.2011, 20:38:23]
Dr. Klaus Günterberg 
HIER IST DIE SOLIDARITÄT DER KRANKENKASSEN GEFORDERT!
Nun kommt sie also, die sog. elektronische Gesundheitskarte (eGK). Ihr Chip ist zwar leis-tungsfähig, noch aber kann die Karte nichts.

Von der alten Krankenversicherungskarte (KVK) mussten jährlich ca. 10 Prozent erneuert werden. Namen ändern sich, Adressen, der Versichertenstatus (M/F/R) u. v. a. m. Da ist es schon sinnvoll, künftig bei solchen Veränderungen der Stammdaten nicht die Karte zu tau-schen sondern, der Chip macht es möglich, nur die Änderungen vorzunehmen.
Auch wir Ärzte unterstützen alles, was sinnvoll und wirtschaftlich ist. Aber wer soll diese Änderungen vornehmen? Für AOK, Barmer, TKK und andere großen Kassen dürfte das kein Problem sein, schließlich haben sie viele Zweigstellen vor Ort. Aber wie verfährt man bei den anderen Kassen ohne Außenstellen? Und bei den vielen Menschen, die in kleineren Orten leben?
Da kann man schon nachempfinden, dass man auf die Ideen kommt, die Änderung der Stammdaten bei den Ärzten vornehmen zu lassen. Wer verlagert nicht gern eigenen Aufwand auf andere?
Aber man bedenke vor allem den zunehmenden Mangel an Ärzten und medizinischem
Personal. Die aber sollen sich vor allem um die Gesundheit der Menschen kümmern. Schon heute beklagen viele Versicherte, dass Ärzte, Mitarbeiter und Pflegepersonal für sie zu wenig Zeit haben. Das ist auch verständlich, sind die, ob in Praxis oder Klinik, schon heute mit Bü-rokratie überlastet.

Und man bedenke auch die Aufgabenverteilung im Gesundheitswesen: Da sind die Ärzte für die Behandlung da, die Krankenkassen für die Verwaltung. Die notwendigen Änderungen der Stammdaten könnte praktisch bei den Krankenkassen schon der jüngste Auszubildende oder jede Angestellte vornehmen. Diese Arbeit ausgerechnet denen übergeben zu wollen, die im gesamten Gesundheitswesen am höchsten qualifiziert sind, den Ärzten, - wie abwegig, wie unwirtschaftlich.

Doch wie löst man das Problem, die eGK zu aktualisieren? Da könnte in jeder Zweigstelle einer Krankenkasse doch die Änderung auch für andere Kassen vorgenommen werden, auch für die, die selbst keine Zweigstellen unterhalten. Hier ist nicht die knappe Zeit der Ärzte, hier ist die Solidarität der Krankenkassen gefragt! Und für die restlichen Versicherten gibt es immer noch den Postweg.

Wer heute Ärzte mit bürokratischen Aufgaben belasten will, möge sich später nicht über noch längere Wartezeiten beim Arzt beklagen.

Dr. Klaus Günterberg
Frauenarzt.
Berlin
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