Ärzte Zeitung, 28.01.2009

Viele Neurologen tun sich schwer mit der Telemedizin bei Schlaganfallpatienten

Wegweisende Innovation oder Marketing-Gag? Viele Neurologen beäugen nach wie vor die Telemedizin skeptisch, wenn es um die akute Behandlung von Schlaganfallpatienten geht. Dabei sind die Erfolge der Schlaganfallnetze unstrittig. Nur: Welchen Anteil hat die Kamera?

Von Philipp Grätzel von Grätz

Auf dem PC-Schirm befunden die TEMPIS-Experten in den Universitäten Regensburg und München Bilder aus anderen Kliniken in Bayern online. i

Foto: TEMPiS

In einem auf Kontroverse angelegten Symposium bei der Arbeitstagung Neurologische Intensivmedizin in Leipzig wurde das Thema Telemedizin jetzt abermals aufs Tablett gebracht. Dr. Johannes Schenkel, Projektleiter des bayerischen TEMPIS-Netzwerks, berichtete über die großen Erfolge der IT-gestützten Vernetzung zweier Schlaganfallzentren in München-Harlaching und Regensburg mit 15 kleineren Krankenhäusern im Oberbayerischen (siehe Kasten).

"Die Telemedizinprojekte dürfen nicht auf die Kamera reduziert werden", betonte Schenkel. Der Erfolg komme durch die Kombination aus Telemedizin und kontinuierlicher Fortbildung und durch den Aufbau kleiner internistischer Schlaganfallteams vor Ort. "Wir wissen nicht, welche dieser drei Komponenten das Outcome verbessern", so Schenkel. Klar ist: Das Gesamtkonzept funktioniert. Das von Dr. Heinrich Audebert ins Leben gerufenen TEMPIS-Netz wurde zur Blaupause für eine ganze Reihe ähnlicher Projekte in Deutschland und international.

Ein paar Zahlen: Seit 2003 wurden allein im TEMPIS-Netz über 15 000 Telekonsile gemacht. Pro Jahr werden im Netzwerk 6000 Schlaganfallpatienten versorgt. Von nahe Null konnte die Rate lysierter Patienten auf das in großen Kliniken übliche Niveau angehoben werden. Und auch die klinischen Resultate nach drei und sechs Monaten erreichen jenes Level, das in Schlaganfallstudien als Standard angesehen wird. Welcher Parameter auch immer ausgewertet wurde, ob Sterblichkeit, Rate der Patienten mit schwerer Behinderung oder Pflegebedürftigkeit, immer erreichen die kleinen Häuser das Niveau der Zentren.

Trotzdem äußerte sich Professor Martin Grond, 2. Vorsitzender der Deutschen Schlaganfallgesellschaft, in Leipzig kritisch: "Der Erfolg ist unstrittig, aber ich zweifele daran, dass die Kamera wesentlich dazu beiträgt." TEMPIS belege, dass kooperative Modelle beim Schlaganfall sinnvoll seien, nicht aber, dass Telemedizin nutze. "Das Outcome entscheidet sich nicht bei einem einmaligen Telekonsil, sondern in den Tagen danach, wenn Komplikationen erkannt oder nicht erkannt werden", so Grond.

Ein Problem sei auch, dass per Telemedizin nur jene Patienten vorgestellt werden könnten, bei denen an einen Schlaganfall gedacht wird. Und: Die Projekte verführten dazu, dass sich Kliniken eine Kamera zulegen und damit werben, ohne die Fortbildung ernst zu nehmen. Audebert und Schenkel wollten das so nicht stehen lassen. So sei die Zahl der Schlaganfallpatienten pro Einwohner in den TEMPIS-Häusern ähnlich hoch wie in Kliniken mit Stroke Units. Das spreche dagegen, dass in großer Zahl Patienten übersehen würden. Auch sei die Kamera durch die ständige Möglichkeit des patientenbezogenen Kontakts zum Spezialisten ein integraler Bestandteil der Fortbildung, der nicht einfach weggelassen werden könne.

TEMPIS

Im TEMPIS-Netz werden Kreiskrankenhäuser ohne eigene Neurologie mit Kameras und Monitoren ausgestattet, die über eine DSL-Leitung mit Schlaganfallzentren in Regensburg und München verbunden sind. Dort ist jeweils ein Neurologe im Dienst, der sich ausschließlich um TEMPIS-Patienten kümmert. Die Kriterien für ein Telekonsil sind genau festgelegt. Durch die Kamera kann der Spezialist dem Internisten bei der klinischen Untersuchung "über die Schulter schauen" und ihm helfen. Er hat außerdem Zugriff auf CT- oder MRT-Bilder. Bevor sie das System nutzen können, werden die Internisten geschult. Regelmäßige Fortbildungen, bei denen die beteiligten Ärzte sich persönlich begegnen, sind auch später noch Pflicht. Zur Finanzierung der Telemedizin existieren Vereinbarungen mit den Krankenkassen. (gvg)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Um die Kamera geht es gar nicht

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