Ärzte Zeitung online, 14.08.2011

"Vorsicht! Operation": Chirurgen wollen Zweitmeinung online anbieten

Werden Hüft- und Kniegelenke oft voreilig ersetzt? Diesen Verdacht haben Chirurgen erst in der vergangenen Woche geäußert. Führende deutsche Chirurgen planen nun ein Zweitmeinungsportal im Internet, das helfen soll, unnötige Operationen zu vermeiden. Einige Krankenkassen haben signalisiert, dass sie die Kosten übernehmen wollen.

"Vorsicht! Operation": Chirurgen wollen Zweitmeinung online anbieten

Vor Op Zweitmeinung einholen: Chirurgen planen jetzt ein Portal für Patienten.

© Allen Penton / fotolia.com

BERLIN (eb). Zwölf führenden deutsche Chirurgen planen unter dem Namen "Vorsicht! Operation" ein Internetportal, auf dem jeder Patient vor einem chirurgischen Eingriff noch eine unabhängige Zweitmeinung einholen kann.

Nach Informationen des Nachrichtenportals "Spiegel Online" sollen Patienten ihre Röntgenbilder, Laborbefunde und sonstige medizinische Daten an das Portal schicken können. Zusätzlich müssten die Patienten Fragen beantworten, die zur Diagnosestellung nötig sind.

Innerhalb von zwei Wochen sollen Anfragen in solchen Fällen beantwortet werden - die kritischen Chirurgen teilen dann mit, ob sie die geplante Operation wirklich für sinnvoll halten oder nicht.

Mit ihrer Aktion wollen die Portalgründer der hohen Zahl operativer Eingriffe an Knie, Rücken, Schulter oder Hüfte entgegenwirken, die ihrer Meinung zufolge wenig nutzen, dafür aber umso mehr schaden können, so das Nachrichtenportal.

"Operationen, die dem Patienten nichts bringen, sondern nur dem Arzt nutzen"

"Ich kann nicht zusehen, wie da draußen Operationen gemacht werden, die dem Patienten nichts bringen, sondern nur dem Arzt nutzen", sagte der Heidelberger Knie-Experte Professor Hans Pässler, einer der Gründer des Portals, zu "Spiegel Online".

Der Rückenexperte Professor Jürgen Harms wiederum beklagt dem Bericht zufolge, dass in Deutschland viel zu viele Bandscheibenoperationen durchgeführt würden. Bis zu 45 Prozent der Patienten könnten auch konservativ behandelt werden: "Ich habe zu viele Eingriffe gesehen, die in grandiosen Fehlschlägen endeten. Und dann sehe ich Leute, denen es nach einem Bandscheibenvorfall wieder gut geht - ganz ohne Operation."

Seniorchirurgen, von denen Patienten objektive Beurteilung erwarten dürfen

Gerade erfahrene Ärzte seien gefordert, die Flut überflüssiger ärztlicher Maßnahmen einzudämmen, ergänzt der Bochumer Chefarzt für Plastische Chirurgie, Professor Ulrich Steinau, dem Bericht zufolge: "Wir haben uns als Gruppe von Seniorchirurgen zusammengetan, von denen Patienten Seriosität und objektive Beurteilung erwarten dürfen."

Anfragen über das neue Portal sollen den Angaben zufolge je nach Aufwand für das erforderliche Gutachten, 200 bis 600 Euro kosten. Mindestens zwei Krankenkassen, die Deutsche Betriebskrankenkasse und die private Debeka mit zusammen rund drei Millionen Versicherten, hätten bereits signalisiert, dass sie die Kosten für den Service erstatten wollten.

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[16.08.2011, 13:44:54]
Dr. Jürgen Schmidt 
Sehr sonderbar !
Zweifellos ein in mehrfacher Hinsicht sonderbares Projekt, zumal die Einholung einer Zweitmeinung, die sich - anstelle eines Gutachtens nach Aktenlage - auf eine zusätzliche klinische Untersuchung stützt, in jeder Hinsicht die bessere Lösung ist - und tagtäglich praktiziert wird.

Das Problem ist die Qualitätssicherung und die Evaluation. Der Patient trifft seine Entscheidung für eine Operation und den Operateur letztendlich nicht nach wissenschaftlichen Kriterien, sondern nach Vertrauenslage und subjektiver Dringlichkeit.
Das aus Kiel intendierte Endoprothesenregister könnte aufschlussreiche Ergebnisse bringen.
Bereits die Erhebungen der Krankenkassen, die vor wenigen Monaten veröffentlicht worden sind, lassen aufhorchen und dringenden Handlungsbedarf vermuten.

Und - - wer als Arzt mit guten Kontakten mal in eigener Sache ein paar Koryphäen abgeklappert hat, den wundert ohnehin nichts mehr.
Wie da ein "Zweitmeinungs-Portal(!)" funktionieren soll, erscheint wirklich schleierhaft, oder handelt es sich gar um eine prophylaktische berufspolitische Feigenblattoperation ? zum Beitrag »
[15.08.2011, 13:34:46]
Dr. Michael Kirsch 
Welch gruselige Vorstellung!
Natürlich werden Patienten ohne ausreichende Indikation operiert, das kann man nicht leugnen. Fraglos wäre es da gut, wenn vor Operationen die Indikation intensiv genug geprüft würde, auch von Kollegen, die nicht an der Operation interessiert sind. Gerade Neurologen sehen oft die Patienten, bei denen Operationen keine Hilfe brachten.

Aber dass Senioren unter den Chirurgen hier die idealen Ansprechpartner sind, da habe ich große Zweifel! Es sollen die Patienten auf Röntgenbild und Fragebogen reduziert werden, was üblicherweise die Idealvoraussetzung für unnötige Operationen ist. Gerade bei Schmerzpatienten kommt man mit diesen Informationen nicht weiter, reichen die keinesfalls aus.

Die 200 - 600 in die Versorgung investiert, mit angemessener Schmerztherapie, Physiotherapie und psychiatrischer/psychotherapeutischer Betreuung würde Operationen mindestens ebenso sparen helfen und für die Patienten viel besser sein.

Aber für solchen rechtlich wie medizinisch fragwürdigen Weg haben die Kassen Geld, für die medizinische Versorgung nicht. Das verwundert nicht, verwunderlich ist eher, dass sich nicht schon alle Kassen zur Gesundheitskasse ernannt haben. Mit Kranken und Krankheit bzw. deren Behandlung wollen die alle nicht mehr viel zu tun haben. zum Beitrag »
[15.08.2011, 11:09:26]
Dr. Roland Even 
Vereinbarkeit mit Berufsordnung ? Fernbehandlung ?
Wie ist denn diese Vorgehensweise mit der ärztlichen Berufsordnung vereinbar ? z.B.: KVNO: §/, Ziffer 3: "(3) Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch
Beratung weder ausschließlich brieflich noch
in Zeitungen oder Zeitschriften noch ausschließlich
über Kommunikationsmedien oder Computerkommunikationsnetze durchführen."

So steht es in etwa in allen Berufsordnungen sämtlicher KVen Deutschlanfs. Damit dürfte dieses Angebot - zumindest, wenn der Patient nicht persönlich gesehen wird - schlicht rechtswidrig sein, da es gegen die ärztliche Berufsordnung verstösst. zum Beitrag »
[15.08.2011, 06:45:05]
R. Mortag 
Vorsicht Internetchirurgen
Der Fakt, dass in vielen zu schnell operiert wird, ist nicht von der Hand zu weisen, aber ob da die Herren Seniorchirurgen helfen können, die weitab vom Schuss sitzen?

Entsinnen Sie sich mal an Ihre Anfangszeiten und was sie über Patienten im Studium gelernt haben.
VERTRAUEN - SORGFALT - ARZT PATIENTEN BEZIEHUNG.

Sie reduzieren die Patienten auf Röntgenbilder, Laborbefunde und Fragebögen. Da macht jede Krankenkasse mit.

Vielleicht sollte jemand mal daran denken, warum zu schnell operiert wird. Vielleicht liegt der Fehler im System und nicht an den einzelnen Klinikern unter Wirtschaftlichkeitsdruck.

Ein ambulant tätiger Orthopäde zum Beitrag »

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