Ärzte Zeitung, 08.09.2011

Hintergrund

Telemedizin soll Brandenburg retten

Brandenburg steht vor einem gewaltigen Umbruch: In dem Land mit der geringsten Dichte von Kassenärzten wirken sich die Entfernungen zu den Ärzten negativ auf Patienten aus. Jetzt soll die Telemedizin helfen, und zwar in der Fläche.

Von Angela Mißlbeck

Brandenburg setzt in der Fläche auf Telemedizin

Brandenburg: Land der Alleen und weiten Entfernungen zum Doktor. Elektronik soll nun die Wege "verkürzen".

© chruhr / fotolia.com

Kaum ein Bundesland könnte mehr von Telemedizin profitieren als Brandenburg. In dem Flächenland mit der geringsten Vertragsarztdichte haben Patienten oft weite Wege zum Facharzt oder ins Krankenhaus.

Bei manchen Erkrankungen wirken sich die großen Entfernungen tatsächlich negativ auf die Versorgung der betroffenen Patienten aus.

Das legt zumindest der Herzbericht von Dr. Ernst Bruckenberger nahe, der Brandenburg seit Jahren die höchste Herzinfarktsterberate im Bundesgebiet attestiert.

Deshalb hat das nun angekündigte telemedizinische Großprojekt gute Chancen, die Versorgung tatsächlich zu verbessern.

Das Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus und das Städtische Klinikum Brandenburg/Havel werden dabei gemeinsam mit niedergelassenen Hausärzten und Kardiologen bis zu 500 Hoch-Risikopatienten mit chronischer Herzinsuffizienz telemedizinisch betreuen. Im Herbst soll die Versorgung der ersten Patienten starten.

Die Patienten erhalten dafür diagnostische Geräte, die kabellos per Datenleitung wichtige Vitaldaten automatisch an die Telemedizin-Zentren der beiden Kliniken liefern.

EKG, Infos zu Sauerstoffsättigung und Blutdruck, aber auch Angaben zu Befunden und zur Medikamenteneinnahme der Patienten werden in einer elektronischen Patientenakte im Telemedizinzentrum gespeichert.

Ärzteteams stehen rund um die Uhr zur Beobachtung und Auswertung der übermittelten Daten bereit. Wenn sich kritische Zustände abzeichnen, informieren die Telemediziner die Patienten und ihre niedergelassenen Ärzte.

Die am Projekt beteiligten Hausärzte und Kardiologen erhalten die diagnostischen Daten bereits rechtzeitig vor dem Patientenbesuch.

Brandenburgs Gesundheitsministerin Anita Tack (Die Linke) zeigt sich stolz, dass ihr Land mit dem Projekt eine Vorreiterrolle in der Telemedizin einnimmt.

"Gerade im ländlichen Raum Brandenburgs erhoffe ich mir wichtige Impulse für die gesundheitliche Versorgung", sagte sie. Tack hat bereits bei früheren Gelegenheiten mehrfach betont, dass sie sich von der Telemedizin für die Sicherung der Versorgung in der Fläche viel verspricht.

Für die technische Umsetzung des aktuellen Projekts haben die beiden Kliniken Fördermittel aus dem Konjunkturpaket II von 1,53 Millionen Euro erhalten. Die Infrastruktur haben die Deutsche Telekom und die Getemed Medizin- und Informationstechnik bereitgestellt.

Partner des telemedizinischen Versorgungsprojekts auf Krankenkassenseite ist die AOK Nordost. Sie hat mit den Kliniken einen Vertrag der Integrierten Versorgung (IV) über die Telemedizinleistungen geschlossen, der das bestehende Programm "Curaplan HerzPlus" zur Versorgung von herzkranken AOK-Patienten ergänzt.

Harald Möhlmann, Geschäftsführer Versorgungsmanagement der AOK Nordost, betrachtet es als vielversprechend, den telemedizinischen Ansatz "in den Alltag unserer Versicherten zu integrieren".

Auch die Kliniken sind von dem Telemedizin-Projekt überzeugt. "Telemonitoring bringt allen Vorteile: Ärzte und Patienten sparen Doppeluntersuchungen, der Patient muss zudem seltener ins Krankenhaus", so die Geschäftsführerin des Carl-Thiem-Klinikums Cottbus Heidrun Grünewald.

Das Städtische Klinikum Brandenburg/Havel verweist auf vorangegangene Telemedizinprojekte. Diese hätten gezeigt, "dass wir mit einer lückenlosen Diagnostik ansonsten häufig auftretende Komplikationen bei Herzschwäche-Patienten vermeiden können", sagt Chefarzt Professor Michael Oeff.

In der geplanten Größenordnung ist das Projekt deutschlandweit bislang einmalig. "Das flächendeckende Netz in Brandenburg ist ein Meilenstein für die Telemedizin in Deutschland", sagt deshalb Axel Wehmeier von der Deutschen Telekom.

Getemed-Chef Michael Scherf zeigt sich gespannt, wie es gelingt, die technischen Möglichkeiten im medizinischen Alltag zu nutzen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Leuchtturmprojekt der Telemedizin

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