Ärzte Zeitung, 16.09.2011

Hintergrund

Ein PAUL für Alte und Kranke

Inzwischen gibt es viele, teilweise marktfähige Lösungen für die telemedizinische Betreuung von Patienten in den eigenen vier Wänden. Doch nur wenige Konzepte werden bislang breit eingesetzt - auch weil Standards fehlen.

Von Eugenie Wulfert

Technische Assistenzsysteme für Alte und Kranke sind noch lange nicht Standard

AAL-Optionen erleichtern chronisch Kranken das Leben zu Hause.

© Frank Peters

Bewegungssensoren, die das Licht einschalten, wenn jemand nachts ins Bad geht, eine Software, die das tägliche Nutzungsprofil der Person in ihrer Wohnung erkennt und bei Unregelmäßigkeiten Alarm schlägt.

Intelligente Technik, die dazu beitragen soll, dass ältere und hilfsbedürftige Menschen so lange und so selbstbestimmt wie möglich in den eigenen vier Wänden leben.

Telemedizin und technische Assistenzsysteme, unter dem Begriff Ambient Assisted Living (AAL) zusammengefasst, gelten als eine wichtige Lösung für die Probleme der alternden Gesellschaft. Mittlerweile gibt es eine bunte AAL-Angebotspalette.

Dahinter verbergen sich aber oftmals sehr unterschiedliche Leistungen. Bei manchen Anbietern gilt schon der Hausnotruf per Druckknopf als AAL, andere bieten komplexe technische Assistenzsysteme an.

Wer soll das bezahlen?

Unklar bleibt, wer die kostenintensiven Dienstleistungen bezahlen soll. Die Kassen finanzieren sie in der Regel nicht. Experten sehen in AAL dennoch einen riesigen Zukunftsmarkt.

Genau das ist AAL auch für Rüdiger Hermann, den Vorsitzenden der Geschäftsführung von Alliance Global Assistance (AGA): ein Geschäftsmodell der Zukunft. Für AAL gebe es zurzeit keinen Markt, ist er überzeugt.

"Keiner scheint dafür bezahlen zu wollen. Deshalb nähern wir uns diesem Thema sehr vorsichtig", sagte Hermann beim Zukunftsforum "Langes Leben" in Berlin.

Derzeit bietet AGA, eine Unternehmensgruppe innerhalb des Allianz-Konzerns, nur Allianz-Kunden im Versicherungsfall AAL-Leistungen an.

Zwar könne AGA auch für andere Kunden ein umfangreiches AAL-Modell umsetzen, Nachfrage gibt es laut Hermann dafür aber keine. Trotzdem will das Unternehmen in zwei Jahren zumindest Teile dieses Konzeptes auf den Markt bringen.

"Wohn- und Lebenskonzept"

"Ein stimmiges AAL-Konzept ist bezahlbar", sagte dagegen Andrea Hugo, Geschäftsführerin des Pflegedienstes "Hauskrankenpflege". Ihr AAL-Konzept "Service Wohnen Plus" fußt auf einer Zusammenarbeit ihres Pflegedienstes und einer Bremer Wohnungsbaugesellschaft.

"Das Projekt ist ein Wohn- und Lebenskonzept mit Grund- und Ergänzungsmodulen wie Mittagstisch, Hausnotruf, Einkaufsservice, Pflegevertrag und mehr", erläuterte Hugo.

Doch nicht nur die Pflege bildet einen Schwerpunkt von "Service Wohnen plus", viel Wert wird laut Hugo auch auf Lebensqualität gelegt.

Beim Freizeit- und Beschäftigungsprogramm helfen pflegende Angehörige, Bewohner der Seniorenwohnanlage und Ehrenamtliche. "Sie sind unverzichtbar, wenn das Ganze bezahlbar bleiben soll", gibt Hugo zu.

Das Kleinunternehmen CIBEK nutzt standardisierte Technologien und Produkte unter anderem aus der Gebäudetechnik und Multimedia, Sicherheits- und Internettechnologie.

PAUL stammt aus Kaiserslautern

In einem Verbundprojekt entstand PAUL, der Persönliche Assistent zur Unterstützung des Lebens. Der mit Touch-Display ausgerüstete PAUL ermöglicht es, unterstützte Funktionen auf den Gebieten Komfort, Sicherheit und Gesundheit abzurufen.

Angefangen hat das Projekt mit 20 Muster-Wohnungen in Kaiserslautern. Jetzt werden laut Geschäftsführer Bernd Klein weitere Wohnungen in Berlin und Kassel mit PAUL ausgestattet.

"Ohne Forschungsgelder hätten wir keine Chance gehabt, länger als ein Jahr mit AAL auf dem Markt zu bleiben", gibt aber auch Klein zu.

Viel Geld fließt bereits seit mehreren Jahren in Forschung und Entwicklung entsprechender Produkte und Dienstleistungen. Vieles ist heute denk- und machbar. Ein breiter Durchbruch von AAL ist bisher allerdings noch nicht zu erkennen.

Ambient Assisted Living (AAL)

Unter Ambient Assisted Living (AAL) werden Konzepte, Produkte und Dienstleistungen subsumiert, welche mithilfe neuer Techniken das alltägliche Leben älterer und hilfsbedürftiger Menschen unterstützen können. So soll AAL Älteren ermöglichen, in ihrer gewohnten Umgebung selbstbestimmt zu leben und die Gesundheit zu erhalten. Ein besserer Lebensstil soll mit AAL für physisch Beeinträchtigte erreicht werden, um die private Sicherheit zu erhöhen und soziale Isolation zu verhindern.

www.aal-deutschland.de

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