Ärzte Zeitung online, 14.12.2011

Britische Regierung macht mit Telemedizin Politik

LONDON (gvg). Das britische Gesundheitsministerium will in den nächsten fünf Jahren drei Millionen Menschen telemedizinisch versorgen. Es beruft sich dabei auf eine Großstudie, deren Ergebnisse bisher allerdings nicht im Detail bekannt sind.

Großbritannien hat sich bei der Telemedizin in den letzten Jahren zu einem der Vorreiter in Europa gemausert. Unter anderem lief dort bis vor Kurzem die Telemedizinstudie "Whole System Demonstrator Programme", bei der mehr als 6000 Patienten mit Herzinsuffizienz, COPD oder Diabetes in 230 Hausarztpraxen telemedizinisch betreut wurden.

Jetzt hat das britische Gesundheitsministerium als Initiator der Studie erste Ergebnisse vorgelegt: Patienten, die telemedizinisch betreut wurden, wurden um ein Fünftel seltener notfallmäßig hospitalisiert, hatten ein Sechstel weniger Krankenhaustage und eine um 45 Prozent geringere Mortalität.

Basierend darauf startet die britische Regierung jetzt eine Initiative, bei der in Partnerschaft mit der Industrie in den nächsten fünf Jahren drei Millionen chronisch kranke Briten telemedizinisch versorgt werden sollen. Selbst Premierminister David Cameron hat sich geäußert und einen "landesweiten Rollout" der Telemedizin angekündigt.

Bislang keine Ergebnisse veröffentlicht

Die Sache hat allerdings ein paar Haken. Zum einen hat die britische Regierung bisher nicht zu erkennen gegeben, dass für die Initiative Geld zur Verfügung steht. Zum anderen ist über die Studie, von der alle reden, bisher kaum etwas bekannt.

Das Gesundheitsministerium hat ein vierseitiges Schriftstück veröffentlicht, das den "ersten Ergebnissen" exakt vier Zeilen widmet. Wissenschaftliche Veröffentlichungen existieren bisher keine, weder mündlich noch schriftlich.

In der britischen E-Health-Gemeinde erntet der Umgang mit der Studie Kritik. So sei nicht klar, wie die Patienten ausgewählt und wie viele Patienten von einer Teilnahme ausgeschlossen wurden.

Das ist gerade bei der Telemedizin wichtig, weil hier oft "Äpfel mit Birnen" verglichen werden. Auch dass eine statistische Einordnung fehle und keine Unterscheidung zwischen den Indikationen gemacht werde, wird bemängelt.

Paul Cundy, IT-Experte der britischen Ärztekammer, mahnt eine politisch unabhängige Auswertung der Daten an.

[14.12.2011, 19:20:23]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Telemedizin auf Dauer?
Wenn Basis des britischen Telemedizin-Rollout eine unbekannt gebliebene und noch nicht veröffentlichte Studie ist, nach der Patienten 20 % seltener notfallmäßig hospitalisiert, 16,7 % weniger Krankenhaustage und eine um 45 Prozent geringere Mortalität hatten, bleibt das alles eine relative Risikoreduktion.

Absolut sicher ist allerdings, dass sowohl kontrollierte, randomisierte, prospektive Doppelblindstudien als auch gar nicht existente Studien im Laufe von jahrzehntelanger Betrachtung mit einer 100-prozentigen Mortalität enden werden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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