Ärzte Zeitung App, 02.09.2014

Telemedizinisches Modellprojekt

Nächtliche Videokonferenz mit dem Kinderarzt

Kann die Telemedizin eine pädiatrische Versorgung außerhalb der Sprechstunden sicherstellen? Ein Projekt in Mecklenburg-Vorpommern soll darüber Aufschluss geben.

Von Matthias Wallenfels

Nächtliche Videokonferenz mit dem Kinderarzt

Bereit zur Video-Konsultation: Radiologe Dr. Christopher Lühken und Oberärztin Dr. Mechthild Wegner von der Universitätsmedizin Greifswald.

© Rosenfeld / UMG

ANKLAM/GREIFSWALD. In Mecklenburg-Vorpommern können Kinder und Jugendliche, die zwischen 18 Uhr abends und 8 Uhr morgens Hilfe in der Notaufnahme im Ameos Klinikum in Anklam suchen, künftig per Videokonferenz einem Kinderarzt der Universitätsmedizin Greifswald vorgestellt werden.

Das Modellprojekt mit einer Laufzeit von sechs Monaten wird im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin und dem Integrierten Funktionsbereich Telemedizin (IFT) des Instituts für Community Medicine der Universitätsmedizin Greifswald (UMG) durchgeführt und wissenschaftlich ausgewertet.

Erst kürzlich gab Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Birgit Hesse (SPD) im Ameos Klinikum Anklam gemeinsam mit dem Ärztlichen Vorstand der UMG, Dr. Thorsten Wygold und Michael Dieckmann, Vorstand der Ameos Gruppe, den Startschuss für das telemedizinische Modellprojekt.

Kooperation auf freiwilliger Basis

Die UMG organisiert laut Ministerium seit Jahren die kinderärztliche Versorgung in der benachbarten Klinik Anklam. "Als Universitätsmedizin übernehmen wir Verantwortung für unsere Region", so Wygold. "Angesichts der demografischen Entwicklung müssen wir uns innovativen Lösungen öffnen, die auch künftig eine hochwertige Krankenversorgung in der Fläche sichern", hebt er hervor.

Die Zusammenarbeit auf telemedizinischer Basis zwischen Anklam und Greifswald werde parallel zum normalen Stationsbetrieb und auf freiwilliger Basis erprobt. "Ein Kinderarzt aus der Universitätsmedizin ist immer vor Ort", erläutert Wygold die Rahmenbedingungen.

"Die begleitende wissenschaftliche Studie soll Aufschluss bringen, ob eine telemedizinische Konsultation zur qualitativ hochwertigen Sicherstellung der regionalen pädiatrischen Versorgung geeignet ist", verdeutlicht er das Erkenntnisinteresse hinter dem Projekt.

"Es geht aber auch darum, die Akzeptanz der Eltern, Patienten und Mitarbeiter für eine ärztliche Beratung per Videokonferenz in Erfahrung zu bringen", beleuchtet Wygold einen weiteren Aspekt.

Hochauflösende mobile Kamera mit optischer Zoomfunktion

Dass Mecklenburg-Vorpommern angesichts des Wandels in der Bevölkerungsstruktur vor großen Herausforderungen in der Patientenversorgung steht, ist Konsens unter den Projektbeteiligten, so auch bei Diekmann.

"Wir begrüßen die Initiative der Universitätsmedizin Greifswald, neue Wege in der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum zu beschreiten", kommentiert der Ameos-Vorstand.

"Insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels muss die ambulante und stationäre kinderärztliche Versorgung in und um Anklam herum dauerhaft gesichert werden. Hier kann mit dem Modellprojekt zur Anwendung von Telemedizin ein wichtiger Beitrag zur fachärztlichen Versorgung am Standort Anklam geleistet werden", ergänzt Diekmann.

Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie das Telemedizinprojekt im Nordosten im Behandlungsalltag funktionieren soll: Nach Klinikangaben können die diensthabenden Ärzte in Anklam ihre Notfallpatienten in der Zeit von 18 Uhr bis 8 Uhr über ein bidirektionales Videokonferenzsystem mit einem Kinderarzt im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der UMG besprechen.

Für die telemedizinische Verbindung zwischen Anklam und Greifswald wurde laut Ministerium ein Videokonferenzsystem mit hoher Bild- und Audioqualität sowie einer farbechten Wiedergabe der Videobilder eingerichtet.

Die hochauflösende mobile Kamera mit optischer Zoomfunktion solle mit einer weiteren Ausstattung sowohl in Anklam als auch von Greifswald steuerbar sein. Die Möglichkeit, zusätzliche Daten und Bilder zur Diagnostik zu versenden, werde ebenso geschaffen. Bei Bedarf könnten weitere Experten aus anderen Abteilungen zugeschaltet werden.

Patientenverlegung ad hoc möglich

Der Greifswalder Mediziner beurteile im Rahmen der telemedizinischen Konsultation anhand eines standardisierten, symptomorientierten Triage-Verfahrens die Dringlichkeit des Falls und entscheide über die weiteren Schritte. Abhängig von der Dringlichkeit könne die Behandlung am nächsten Tag bei einem niedergelassenen Pädiater oder in der Pädiatrie im Ameos Klinikum Anklam erfolgen.

Sollte sofortiger Handlungsbedarf ersichtlich sein, könnte der Patient je nach Lage mittels Privat-Pkw oder Taxi, aber nötigenfalls auch sofort mit einem Rettungswagen verlegt werden.

Speziell in diesem Aspekt sieht Sozialministerin Hesse in dem Projekt einen wichtigen Baustein bei der medizinischen Versorgung der Kinder in der Region. "Gerade in dünn besiedelten Regionen ist es notwendig, Fahrtwege und Behandlungszeiten für die kleinen Patienten und ihre Eltern zu verkürzen. Mit dem Einsatz der Telemedizin gelingt das, ohne Abstriche bei der Diagnose hinnehmen zu müssen", so Hesse.

Innerhalb der zunächst sechsmonatigen Testphase sollen verschiedene Abläufe des Telemedizinprojektes auf ihre Praxistauglichkeit überprüft werden.

Bei positiven Ergebnissen, so die einhellige Aussage der Beteiligten, solle das System in Anklam weitergeführt und auch im Kreiskrankenhaus Wolgast eingeführt werden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Praxistauglichkeit im Fokus

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Münchner lernen Zivilcourage

In einem Kurs der Polizei lernen Bürger, wie sie mit Zivilcourage in schwierigen Situationen einschreiten – und sich dabei schützen. mehr »

Zahl importierter Malaria-Erkrankungen stark gestiegen

In den letzten Jahren ist die Zahl der Malaria-Erkrankungen in Deutschland deutlich gestiegen. Die unspezifische Symptomatik führt immer wieder zu potenziell lebensbedrohlichen Fehldiagnosen. mehr »

BGH befreit Durchgangsärzte von Haftung

Für die Folgen eines Fehlers bei der Diagnose und auch der Erstversorgung durch einen D-Arzt haftet nicht der Arzt, sondern die Unfallversicherung. Das hat nun der Bundesgerichtshof klargestellt. mehr »