Ärzte Zeitung, 12.01.2015

Videosprechstunde

Kein Ersatz für echten Arzt-Patienten-Kontakt

Um etwa Patienten aus dem Ausland nach einer Operation per Video beraten zu können, brauchen Ärzte nicht nur die richtige Praxis-EDV. Sprechstunden per Video sind auch finanziell und juristische eine Herausforderung.

Von Julia Frisch

Kein Ersatz für echten Arzt-Patienten-Kontakt

Arztbesuch per Smartphone: Mit den aktuellen Abrechnungsmöglichkeiten kaum lohnend für Praxen.

© apops / Fotolia.com

FRANKFURT/MAIN. Dr. Florian Velten ist ein richtiger Profi in Sachen Videosprechstunde. Zwei solcher Sprechstunden pro Stunde hält der Hautarzt aus Frankfurt am Main.

Seit drei Jahren bietet er diese Leistung an. Für seine Praxis ist die Sprechstunde mit Beamer und Leinwand wichtig, denn "bei uns kommen 80 Prozent der Patienten aus dem Ausland", erzählt Velten.

Die Video-Sprechstunde bietet der Hautarzt aus rechtlichen Gründen allerdings nur Patienten an, die zuvor wenigstens einmal bei ihm in der Praxis vorstellig waren und untersucht wurden.

Über das Computerprogramm Teamviewer und mithilfe einer ID sowie eines Kennworts kommt die sichere Verbindung zwischen Arzt und Patienten zustande.

So kann Velten dann beispielsweise nach einer in Frankfurt erfolgten Op einem Patienten aus Hongkong die weitere Therapie erklären oder Befunde besprechen.

Und auch die für einen Dermatologen besonders wichtige Begutachtung der Haut ist mithilfe der Webcam möglich. "Das ist überhaupt kein Problem, weil die hochauflösenden Kameras in den Laptops heute genial sind", so Velten.

"Und wenn das Licht dann doch mal zu schlecht ist oder ich etwas trotzdem nicht beurteilen kann, dann sage ich das dem Patienten auch."

Abrechnung per GOÄ

Die Videosprechstunden rechnet Velten nach der GOÄ ab, dazu erhebt er noch eine Auslagengebühr für die Software von 11,90 Euro.

"Für uns ist das ein Zusatzangebot, bei dem wir null auf null rauskommen, aber nur, weil wir das selbst betreiben und nichts dafür zahlen", so Velten.

Onlineplattformen für die Video-Sprechstunde zu nutzen, davon rät er Kollegen ab. Für deren Dienste müssen Ärzte nämlich zahlen.

Bei den derzeitigen Abrechnungsmöglichkeiten in EBM (eventuell Nr. 01435 oder auch 01102) und GOÄ rechnet sich das Angebot einer Video-Sprechstunde so gut wie nicht.

189 Euro pro Monat verlangt etwa das vor Kurzem an den Start gegangene Portal "Patientus", wenn Ärzte über dieses Video-Sprechstunden anbieten wollen (wir berichteten).

Bei "arztkonsultation.de" müssen Kollegen für die Nutzung der Plattform 59 Euro im Monat zahlen. Und auch beim ebenfalls neuen Portal "free-med", das voraussichtlich im Dezember online geht, wird die Nutzung des Video-Chats kostenpflichtig sein.

Der Rat von Dr. Florian Velten deshalb: "Ärzte sollten sich lieber etwas selber aufbauen, vielleicht im Rahmen eines Ärztenetzes."

Wer als Praxischef seinen Patienten den Service einer Video-Sprechstunde anbieten will, sollte nach Ansicht von Rechtsanwältin Dr. Alexandra Jorzig von der gleichnamigen Kanzlei in Düsseldorf vor allem eines beachten: "Patienten nur ausschließlich über Telemedien zu behandeln, das geht gar nicht!"

Grund ist das in der Musterberufsordnung verankerte Fernbehandlungsverbot. Konkret bedeutet das für Ärzte: Wer seinen Patienten eine Diagnose stellen will, muss diese vorher in der Praxis gesehen und untersucht haben.

Videosprechstunden kommen deshalb nach Ansicht von Jorzig nur bei Bestandspatienten in Betracht, die der Arzt schon kennt.

Aufklärungsarbeit ist wichtig

Skeptisch sieht sie deshalb Video-Sprechstunden, in denen Praxischefs neue Patienten erst einmal nur allgemein beraten sollen. "Da ist die Gefahr groß, dass sich der Arzt zu einer Diagnose hinreißen lässt", so Alexandra Jorzig.

Das Angebot einer Video-Sprechstunde verlangt ihrer Ansicht nach von Ärzten Standhaltungsvermögen und einen großen Aufwand an Aufklärungsarbeit: darüber, dass Krankheiten eben nicht einfach bequem übers Internet behandelt werden können, dass abschließende Diagnosen über Video nicht möglich sind, und dass bei neuen Patienten eine Diagnose überhaupt nicht gestellt werden darf, bevor diese nicht einmal in der Praxis waren.

[13.01.2015, 18:00:07]
Dr. Peter Schultz 
Sehr subjektive Sichtweisen von Anwalt und Arzt
Ich finde es etwas vermessen, dass die Anwältin Fr. Jorzig meint, die Arbeitsweise der Ärzte dahingehend beurteilen zu können, als dass approbierte Ärzte (wie ich) nicht den Unterschied zwischen Diagnose und allgemeiner Beratung nicht finden würden. Diesen Spagat haben wir jeden Tag, wenn Patienten am Telefon Auskünfte haben wollen. Zumindest könnte man per Video-Konferenz deutlich mehr beurteilen (besonders bei bestehenden Patienten)

Zudem wundert es mich, dass der Kollege Dr. Velten auf der einen Seite sagt, die Beratung und Nachsorge per Videokonferenz würde sich wirtschaftlich nicht tragen, auf der anderen Seite aber laut Artikel 2 Termine pro Stunde (demnach knapp 15 Termine pro Tag) durchführt !
Was der Artikel verschweigt, ist dass der Kollege den 3,5 Fachen Satz der GoÄ Ziffer veranschlagt (laut seiner eigenen Homepage). Zudem lässt er den Patienten dann noch 11,90 EUR für die Benutzung einer KOSTENLOSEN Software bezahlen (die nebenbei gesagt für den medizinischen gebrauch ungeeignet ist !).
Schade, dass hier offenbar Medizin betrieben wird, die der Kollege toll privat abrechnet und den Patienten die Benutzung zahlen lässt.

Da erscheint mir der Ansatz der Plattformen mit einer monatlichen Gebühr für den Arzt, welche die Benutzung aber für den Patienten kostenfrei hält, doch deutlich zukunftsorientierter! Der Kollege möchte wohl seine Monopolstellung nicht verlieren und rät den Kollegen davon ab das zu tun, was er schon seit 3 Jahren macht... sehr interessant :-)  zum Beitrag »

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