Ärzte Zeitung, 07.05.2015

Telemedizin

Intensivmediziner preschen vor

Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin gründet auf dem heute beginnenden Deutschen Anästhesiecongress eine eigene Kommission für Teleintensivmedizin. Die soll unter anderem für die Vergütung der Telemedizin kämpfen.

Von Matthias Wallenfels

Intensivmediziner preschen vor

Telemedizin im Alltag: Kollegenrat ist gefragt.

© Aleksey Khripunkov/fotolia.com

DÜSSELDORF. Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) will eine Qualitätsoffensive in der Versorgung kritisch kranker Patienten starten und die Rahmenbedingungen für die Verbreitung telemedizinischer Lösungen in Deutschland zum Wohle der Anästhesie-, Intensiv-, Notfall- und Schmerzpatienten mitgestalten, Standards definieren und die ärztliche Vergütung sicherstellen.

Zu diesem Zweck will die DGAI auf dem am Donnerstag in Düsseldorf beginnenden Deutschen Anästhesiecongress eine Kommission Telemedizin inaugurieren.

Die Teleintensivmedizin ermöglicht, so die DGAI, neue Wege für eine qualitativ hochwertige Versorgung schwerst kranker Patienten in Wohnortnähe. Durch die virtuelle Zuschaltung von Fachkollegen könnten auf Intensivstationen kritische Situationen vermieden, bessere Behandlungsergebnisse erzielt und Leben gerettet werden.

"Mit der Telemedizin stehen wir an der Schwelle zu einer neuen Ära in der intensivmedizinischen Behandlung", betont Professor Thea Koch, Kongresspräsidentin des DAC und Präsidentin der DGAI.

"Die Menschen werden immer älter und der Bedarf an wohnortnaher und hochwertiger intensivmedizinischer Versorgung wird in den kommenden Jahren weiter steigen", ergänzt sie.

Herausforderung für kleine Kliniken

Die Rechnung ist für die DGAI einfach: Je mehr Menschen einen Schlaganfall erleiden, sich einer Herzoperation unterziehen, an einer Lungenentzündung oder einem aggressiven Krebs erkranken, umso höher ist die Anzahl der Patienten, die in einen kritischen Zustand kommen können und schließlich auf der Intensivstation behandelt werden müssen.

Für kleinere und mittlere Krankenhäuser stelle diese Entwicklung eine Herausforderung dar. Eine 24-Stunden-Verfügbarkeit eines Experten könnten diese Häuser oft nicht leisten, wie die Gesellschaft betont.

"Für sie wird es immer schwieriger die ressourcenaufwendige Versorgung auf der Intensivstation sicherzustellen", verdeutlicht Professor Gernot Marx, Mitinitiator und Anwärter auf das Amt des Sprechers der Kommission Telemedizin.

Auch dürfe man nicht vergessen, dass ein Intensivpatient durchschnittlich sechsfach höhere Kosten verursache verglichen mit einem Patienten auf Normalstation.

Leuchtturmprojekt an RWTH Aachen

"Den intensivmedizinischen Herausforderungen der Zukunft können wir mit der Telemedizin effektiv begegnen", weiß der Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum RWTH Aachen aus Erfahrung.

Denn diese bringe die fehlende Fachkenntnis auf schnellstem Wege dorthin, wo sie gebraucht werde. Wie das funktioniert, zeige das deutschlandweit erste telemedizinische Modellprojekt im Bereich der Intensivmedizin, Telematik in der Intensivmedizin (TIM).

Das unter Mitwirkung Marx' extra gegründete Telemedizinzentrum sei mit zwei Krankenhäusern der Region über eine verschlüsselte und sichere Datenleitung verbunden. Für TIM hatte das Zentrum im vergangenen Jahr den von der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin ausgeschriebenen Karl Storz Telemedizinpreis erhalten.

Während täglicher Tele-Visiten oder im Krisenfall könnten die Partnerhäuser auf ein aus erfahrenen Intensivmedizinern bestehendes Team zurückgreifen. Durch die Echtzeitübertragung der Patientenwerte unterstützten die Experten ihre Kollegen vor Ort bei wichtigen Entscheidungen in Sekundenschnelle.

Noch sei das Modellprojekt nicht ausgewertet, aber die Erfahrungen der vergangenen eineinhalb Jahre sprächen für die Vorteile - und zwar für Ärzte und Patienten. "Getreu dem Motto ‚gemeinsam kompetenter‘ können sich die Kooperationspartner ihren Arbeitsalltag ohne die telemedizinische Unterstützung überhaupt nicht mehr vorstellen", resümiert Marx.

Wie es nach Beendigung des Modellprojektes und dessen Finanzierung aus europäischen Fördertöpfen und Landesprogrammen weiter gehen werde, sei noch unklar. Es liefen jedoch schon Verhandlungen mit dem Verband der Ersatzkassen (vdek).

Weniger Sterbefälle und Kosten

Noch stecke die Telemedizin in Deutschland in den Kinderschuhen. Ihre Erfolge in der Intensivmedizin indes sind, so hebt die DGAI hervor, unbestritten, wie internationale Studien belegen.

Durch zusätzliche teleintensivmedizinische Maßnahmen lasse sich die Sterblichkeitsrate bei Intensivpatienten deutlich senken, die Patienten könnten die Intensivstation früher verlassen und der Klinikaufenthalt verkürze sich. Das senke auch die Behandlungskosten.

Die Daten zeigten deutlich das Potenzial der Teleintensivmedizin. "Keine andere medikamentöse oder technische Innovation der letzten 20 Jahre lieferte ein auch nur annähernd beeindruckendes medizinisches und wirtschaftliches Ergebnis. Jetzt müssen nur noch die richtigen Weichen gestellt werden", bilanziert Koch.

[09.05.2015, 22:29:56]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Intensivmedizin vom Wohnzimmer aus? zum Wohl der Patienten? oder für wen?
oder wie hatten sich das die Änaesthesisten gedach? zum Beitrag »

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