Ärzte Zeitung, 05.10.2015

Zu viele Regelungen

Bürokratie bremst E-Patientenakten aus

Digitale Patientenakten sind eine Erfolgsgeschichte, wo sie konsequent angewendet werden. Wo das allerdings sektorübergreifend geschehen soll, sind gesetzliche Bestimmungen teilweise hinderlich.

POTSDAM. Immer wieder gibt es Anläufe, sektorübergreifende elektronische Patientenakten in Deutschland zu etablieren. Doch auch vielversprechende Ansätze sind bisher immer wieder im Sand verlaufen oder kommen nicht recht voran.

Auf eine mögliche Ursache für die langsamen Fortschritte hat Dr. Carl Dujat, Leiter der Arbeitsgruppe "Archivierung von Krankenunterlagen" der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik (GMDS), vor Kurzem in Berlin hingewiesen: die hohe Regelungsdichte.

"In 251 Gesetzen, Verträgen und Verordnungen in Deutschland gibt es Aussagen zur Dokumentation, Archivierung und digitaler Signatur, hier muss Bürokratie abgebaut werden", forderte Dujat, der auch Vorstandsvorsitzender der promedtheus AG in Erkelenz ist.

Wer auch immer Projekte zur Umsetzung digitaler Archivierung und digitaler Signatur angeht, muss alle diese Bestimmungen irgendwo beachten - und Änderungen der Rechtslage müssen überall entsprechend angepasst werden.

Bei den Bestimmungen gehe es von den Archivgesetzen von Bund und Ländern über die Sozialgesetzbücher, Bundesmantelverträge, Berufsordnungen, Arzneimittelrichtlinie bis hin zur Strahlenschutzverordnung und der TPG Gewebeordnung, erläuterte Dujat weiter.

Er sprach auf dem Fachsymposium "Medizin statt Bürokratie - Vision oder Realität", das vom Unternehmen ID Information und Dokumentation im Gesundheitswesen aus Anlass des 30-jährigen Bestehens von ID ausgerichtet wurde.

IT-System und Papierdokumentation laufen oft parallel

Dass eine konsequente Digitalisierung durchaus dazu beitragen kann, die Produktivität einer medizinischen Einrichtung zu erhöhen und gleichzeitig auch die Patientensicherheit zu verbessern, erläuterte Henning Schneider, Chief Information Officer (CIO) im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Problem der Digitalisierung in vielen Krankenhäusern sei es derzeit, dass die IT-Systeme und die Papierdokumentation nebeneinander existierten.

"Ich brauche dann beide Systeme, um gut entscheiden zu können", so Schneider. In Hamburg sei die Entscheidung an der Klinikspitze gefallen, konsequent umzustellen, "seit 2004 leben wir das und folgen damit einer langfristigen Ausrichtung" - beteiligt seien Ärzte, Klinikverwaltung und Pflege. Das sei aus seiner Sicht der wichtigste Erfolgsfaktor für ein Krankenhaus.

In Tumorkonferenzen gebe es beispielsweise kein Papier mehr, alles werde direkt an Bildschirmen angeschaut. Auf Visiten gibt es einen Wagen mit Computer, über den auf alle Daten zugegriffen werden kann.

Das UKE sei seit 2004 von einem jährlichen Defizit in Höhe von rund 35 Millionen Euro herunter gekommen und erwirtschafte jetzt Gewinne. Im Zentrum der IT stehe dabei das System Soarian, aber angeschlossen seien eine Reihe weiterer Systeme, "einen Monolithen für alles gibt es nicht".

Ärzte schätzen Austausch

Die Medikation auf den Stationen sei ein Beispiel für den "gewaltigen Erfolg" durch Digitalisierung. In der alten Welt habe die Klinikapotheke den Medikationsschrank auf Station beliefert.

Die Dokumentation sei auf Papier erfolgt. In diesem Prozess habe es viele Fehler bei der Zuordnung gegeben. Die elektronische Verordnung allein reduziere die Fehlerrate aber nur von 56 auf 39 Prozent.

Im UKE habe man nun den gesamten Prozess und die Logistik umgestellt: So sprechen die Ärzte die Medikation nochmals mit dem Klinikapotheker ab: "Die Ärzte schätzen diesen Austausch durchaus", so Schneider. Die gesamte Medikation eines Patienten wird dann in der Klinikapotheke patientenindividuell in Einzeldosen verpackt.

Das Resultat, laut Schneider: "98,4 Prozent der Patienten erhalten ihre Medikation ohne Abweichung von der Verordnung." Eine aktuelle Studie aus Freiburg belege zudem, dass dieses Resultat auch übertragbar ist. Schneiders Fazit: "Wer Patientensicherheit in Deutschland ernst meint, kommt um eine vollständige Digitalisierung der Daten und Abläufe in der Gesundheitsversorgung nicht herum." (ger)

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