Ärzte Zeitung, 11.04.2016

Telemedizin

Jetzt ist die Selbstverwaltung gefragt

Soll Telemedizin endlich Teil der Regelversorgung werden, braucht es auch die nötigen EBM-Ziffern, stellt Oliver Schenk vom Bundesgesundheitsministerium auf dem DGIM-Kongress klar.

Von Rebekka Höhl

MANNHEIM. "Wir müssen raus aus der Pilotitis, damit wir nicht lauter Insellösungen haben, sondern Telemedizin in die Fläche bekommen" - Oliver Schenk, Abteilungsleiter Grundsatzfragen Telematik beim Bundesgesundheitsministerium (BMG), sieht den schwarzen Peter allerdings mehr bei der Selbstverwaltung, denn bei der Politik, wie sich auf dem DGIM-Kongress zeigte.

Es sei gut, dass der Bundestag mit dem E-Health-Gesetz nun einen festen Fahrplan für die Telematikinfrastruktur, an die später ja auch die telemedizinischen Leistungen andocken sollen, beschlossen habe.

Mit dem Konzept aus Anreizen und Sanktionen soll laut Schenk "endlich der Knoten platzen" und das Thema E-Health in Deutschland nach über zehn Jahren Baustelle vorankommen.

Konkrete Abrechnungsmöglichkeiten gefordert

Mehr vom DGIM-Kongress

Weitere Berichte vom Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Mannheim finden Sie hier: aerztezeitung.de/dgim2016

Dafür sei es aber auch nötig, "dass wir konkrete Abrechnungsmöglichkeiten" für die Finanzierung telemedizinischer Konzepte haben, stellte er klar.

"Dazu gab es schon einmal einen gesetzlichen Auftrag, das hat aber nichts gebracht", so Schenk weiter. Er spielt damit auf die Regelungen im Versorgungsstrukturgesetz aus dem Jahr 2012 an.

Das E-Health-Gesetz soll nun die Wende bringen, indem es sich zum einen auf einzelne Leistungen konzentriert - denn zunächst soll die Selbstverwaltung EBM-Ziffern für die teleradiologische Befundung (ab April 2017) und die Videosprechstunde (ab Juli 2017) erarbeiten.

Zum anderen hofft Schenk auf die drohenden Sanktionen - in Form von Budgetkürzungen für den GKV-Spitzenverband und die KBV - als Motivator für die Selbstverwaltung, zu einer Einigung zu kommen.

Telemedizinische Projekte hätten aber auch gute Chancen, Geld aus dem Innovationsfonds zu erhalten, sagte er. Denn bei dem Fonds gehe es ja gerade darum, die sektorübergreifende Versorgung und jene in strukturschwachen Regionen zu fördern.

Mehr Studien zur Telemedizin werden benötigt

Auf den Innovationsfonds als Treiber, um Telemedizin in die Regelversorgung zu bekommen, setzt auch Professor Friedrich Köhler von der Berliner Charité. Allerdings müsse Telemedizin zunächst durch Studien beweisen, dass sie für bestimmte Patientengruppen die bessere Medizin sei.

Die Charité arbeitet selbst gerade an einer großen Studie zu einem Remote Patient Management bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz. 1500 Patienten sollen daran teilnehmen und sich auf Metropol- und ländliche Regionen verteilen.

Dabei geht es um ein kombiniertes Konzept, das auf eine leitliniengerechte Therapie durch den Arzt, eine Schulung für mehr Eigenkompetenz des Patienten und einem ergänzenden Telemonitoring besteht.

Auch Dr. Johannes Schenkel von der Bundesärztekammer sieht die Chancen der Telemedizin in Studien, denn, "das Berufsrecht ist immer etwas Reaktives, das auf aktuelle Entwicklungen reagiert", erklärte er.

Köhler hingegen sagte ganz deutlich: "Eigentlich haben wir keine berufsrechtlichen Probleme, Telemedizin einzusetzen - zumindest in der Kardiologie."

Es sei aber wichtig, das sich das ärztliche und pflegerische Berufsbild weiterentwickle. Eine große Rolle spielen seiner Erfahrung nach die telemedizinischen Assistenzberufe, wie etwa die Pflegeexperten Herzinsuffizienz oder Schwester Agnes.

"Da kommt ein sehr großes Engagement aus dem Pflegebereich", so Köhler.

Ohne dieses hätte die Charité den bundesweiten Rollout ihrer Herzinsuffizienz-Studie nicht geschafft, sagte er.

Bei den Ärzten hingegen sieht er die Telemedizin als Form der ärztlichen Tätigkeit und nicht als Facharzt oder Zusatzbezeichnung. "Es wäre viel wichtiger, dass das Bestandteil der Hauptvorlesungen wird."

[11.04.2016, 21:46:47]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
wieso "endlich" ?
werden die Patienten damit besser behandelt oder vielleicht schlechter. zum Beitrag »

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