Ärzte Zeitung online, 12.04.2016

DGIM-Kongress

Welche herzkranke Patienten von Telemedizin profitieren könnten

Digitale Fernüberwachung in der Herz-Kreislauf-Medizin wird nur dann zum Erfolg, wenn die Auswahl der Patienten stimmt. Auch muss die Datenübertragung mit einem engmaschigen ärztlichen Therapiemanagement einhergehen.

Von Philipp Grätzel von Grätz

MANNHEIM. Eine elektronische Fernüberwachung von Patienten mit arterielle Hypertonie ist heute technisch kein Hexenwerk mehr.

Immer mehr online-fähige Blutdruckmessgeräte stehen zur Verfügung. Längst hat das Smartphone Einzug in den Hypertoniealltag vieler Patienten gehalten.

Das ermöglicht es Ärzten im Prinzip, Patienten deutlich intensiver zu betreuen, was im Alltag aber oft unrealistisch ist.

Professor Martin Middeke vom Hypertoniezentrum München hält dieses Problem freilich für teilweise vorgeschoben. Speziell beim Telemonitoring von Patienten mit arterieller Hypertonie gehe es nicht darum, alle Patienten zu überwachen.

Vielmehr spiele die Fernüberwachung ihre Stärken insbesondere bei Problempatienten aus, deren Zahl überschaubar sei. "Fünf bis sechs Patienten pro Praxis lassen sich durchaus so behandeln", gab er sich in einer DGIM-Sitzung zur Telemedizin überzeugt.

Blutdruckmonitoring: Wer profitiert?

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Welche Patientengruppen es sind, die von einem Blutdruckmonitoring profitieren, kristallisiere sich zunehmend heraus, so Middeke.

Zum einen seien das Patienten mit wiederholten hypertensiven Krisen, außerdem Patienten mit komplexer Medikation, Frauen mit Schwangerschaftshochdruck sowie hypertensive Patienten nach Nierentransplantation. Gut geeignet seien zudem Patienten, bei denen kontrollierte Auslassversuche unternommen werden sollen.

Das betreffe die juvenile isolierte systolische Hypertonie, bei der oft überbehandelt werde, sowie das vaskuläre Normaldruckglaukom, bei dem es darum geht, durch Verringerung der antihypertensiven Therapie den Visus zu verbessern.

Wie groß der Nutzen des Hypertonie-Telemonitorings in diesen Szenarien genau ist, wird derzeit in klinischen Studien und Registern geprüft.

Middeke berichtete unter anderem über die bayerische BaTeleS-Studie, eine randomisierte Studie zum Einsatz von Telemonitoring bei Frauen mit hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen.

Geklärt werden soll, wie sich die engmaschigere Anbindung der Frauen auf die Gesundheit von Mutter und Neugeborenen auswirkt.

EUSTAR-Register am Start

Ebenfalls derzeit in den Startlöchern steht das europäische EUSTAR-Register, in das Patienten mit unterschiedlichen Risikokonstellationen aus zahlreichen Ländern Europas aufgenommen werden.

Die Bedeutung der richtigen Patientenauswahl unterstrich auch Professor Friedrich Köhler von der Charité Berlin, der sich als Studienleiter der deutschlandweiten TIM-HF II Studie intensiv mit dem Telemonitoring von Patienten mit Herzinsuffizienz beschäftigt: "Telemonitoring bei Herzinsuffizienz funktioniert dann, wenn es vorher ein Indexereignis, eine Dekompensation gab. Für andere Patienten haben wir keine Evidenz."

Außerdem funktioniere es besser bei Patienten in den NYHA-Stadien II oder III, weniger bei weitgehend immobilen Patienten im NYHA-Stadium IV.

"Insgesamt reden wir damit nur über ein Sechstel der gesamten Population der Patienten mit Herzinsuffizienz", so Köhler.

Zentraler Erfolgsfaktor ist Köhler zufolge die enge Anbindung des telemedizinischen Servicezentrums an die Hausärzte und Kardiologen in der Primärversorgung.

Nur so könne gewährleistet werden, dass die Überwachung auch jene therapeutischen Maßnahmen nach sich ziehe, die letztlich ausschlaggebend dafür sind, dass Krankenhauseinweisungen vermieden werden.

Eine suboptimale Einbindung in die reguläre Versorgung sei auch der Hauptgrund dafür, dass mehrere große randomisierte Studien zum Telemonitoring bei Herzinsuffizienz, darunter die britische BEAT-HF-Studie mit knapp 1500 Patienten, keinerlei Nutzen zeigen konnten.

Was die zu überwachenden Parameter angeht, plädierte Köhler für eine multidimensionale, am individuellen Patienten ausgerichtete Überwachung, statt sich nur auf Einzelparameter wie das Körpergewicht zu fixieren. Unverzichtbar sei ein EKG-Monitoring, da viele Dekompensationsepisoden rhythmogen getriggert seien.

Ob beim Flüssigkeitsmonitoring die Waage oder invasive Blutdrucksensoren besser seien, könne man diskutieren. Impedanzmessungen sieht Köhler eher kritisch.

Eine regelmäßige Selbsteinschätzung des Patienten dagegen hält er für sehr wichtig, um nicht nur Messwerte, sondern das klinische Gesamtbild in Entscheidungen über Therapieänderungen einbeziehen zu können.

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