Ärzte Zeitung, 30.08.2016

Singapur

Alles vernetzt

Der Löwenstaat will als erstes Land weltweit zeigen, wie eine smarte Nation aussehen kann. Dazu wird der Stadtstaat umfassend mit Sensoren vernetzt - das betrifft auch das Gesundheitswesen. Dies birgt aber auch erhebliche Kriminalitätsrisiken. 

Von Matthias Wallenfels

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Singapur will in puncto Technikinnovationen Flagge zeigen.

© anekoho / fotolia.com

SINGAPUR. Die Wohlstandsoase Singapur bastelt an ihrer Zukunft. Denn zum einen wird die Bevölkerung im Stadtstaat laut Prognosen wachsen und zum anderen wird sich der Löwenstaat auch dem demografischen Wandel stellen müssen. Rund 900.000 Einwohner sollen im Jahr 2030 älter als 65 Jahre sein - und damit jeder Fünfte. Dazu kommt: Singapur gilt mit 8000 Einwohnern je Quadratkilometer bereits als der weltweit am dritt dichtesten besiedelte Ort.

Wie die singapurische Außenhandelsagentur Spring warnt, werde zudem in Zukunft die arbeitende Bevölkerung im Verhältnis zu den Senioren schrumpfen. Diese Trends würden den Druck auf das Gesundheitswesen und die Gewährleistung des Zugangs der Einwohner zu Ressourcen wie Energie, Essen und Wasser durch den Staat erhöhen.

Big Data soll es richten

Um sich den Herausforderungen der Zukunft zu stellen, will Singapur gleich das ganz große Rad drehen und weltweit die erste smarte Nation werden - alles soll vernetzt werden. Bisher gibt es auch in Europa Ansätze für smarte Städte, wobei meist nur einzelne Sektoren vernetzt werden sollen, wie zum Beispiel in Groningen, das sich unter anderem der "smart Healthcare" verschrieben hat.

Singapur setzt bei seiner Version von Smart Nation laut Spring auf Big Data, Analysetechnologien und Sensorennetzwerke - und damit auf das Prinzip eines "Living Lab". Dies sei ein holistischer Ansatz, bei dem lokale Universitäten, Technologie-Start-ups, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen sowie Investmentkapitalgesellschaften an einem Strang ziehen könnten, um die vor zwei Jahren von Premierminister Lee Hsien Loong verkündete Vision zu erreichen.

Die Idee der Smart Nation baut wiederum auf der 2005 inaugurierten Vision "iN2015" auf, die konsequent auf das Potenzial der Informations- und Kommunikationstechnologie setzt. Bereits damals lag ein Aspekt auf der Telemedizin.

Und zwar sollte sämtliches Gesundheitspersonal in der Lage sein, via Telemonitoring Patienten mit chronischen Erkrankungen des akademischen Gesundheitsnetzwerkes National University Health System zu überwachen, heißt es in dem Plan.

"Im Gesundheitswesen haben unsere öffentlichen Krankenhäuser ihre Patientenakten integriert, so dass Ärzte Patienteninformationen unabhängig davon einsehen können, welche Klinik der Patient besucht. Ob er als Notfall aufgenommen wird oder in ein anderes Krankenhaus geht, die Daten sind da", verdeutlichte Premier Lee bereits vor zwei Jahren zum Start der Kampagne Smart Nation.

Die Telemedizin gilt Singapur laut Spring als Hoffnungsträger, wenn es zum Beispiele um die Prävention oder um die Versorgung außerhalb eines Krankenhauses geht. Verschiedene öffentliche Kliniken führten derzeit Studien durch, die die fernüberwachte Rehabilitation fokussieren.

Im Rahmen des Telemonitoringsystems würden während der häuslichen Therapiesitzung Vitaldaten der Patienten mit chronischen Erkrankungen drahtlos übermittelt.

Dies geschehe über Sensoren, die an den Extremitäten der Patienten angebracht seien. Lösungen wie diese würden es für Patienten überflüssig machen, zum Krankenhaus zu gehen und dort auf ihren Arzttermin zu warten, wie Spring betont.

Zusätzlich ermächtige es die Patienten, ihre Konstitution im häuslichen Umfeld zu überwachen.

Dieser Ansatz habe auch einen wirtschaftlichen Aspekt. Denn das Telemonitoring schaffe für Patienten wie ihre Pflegekräfte nicht nur eine größtmögliche Annehmlichkeit. Er schaffe zudem für Singapurs begrenzten Pool an Therapeuten Freiräume, um sich um mehr Patienten zu kümmern - und somit deren Produktivität zu erhöhen.

Cybersicherheit essenziell

Für Teilnehmer an telemedizinischen Prozessen gelten bereits strenge Datenschutzregelen. "Healthcare-Organisationen müssen sicherstellen, dass Patienteninformationen und -daten geschützt sind, indem sie eine Vertraulichkeits-Richtlinie vorhalten", steht zum Beispiel in den Nationalen Telemedizinrichtlinien des singapurischen Gesundheitsministeriums von 2015.

Singapur ist sich durchaus bewusst, dass die komplette Vernetzung im Stadtstaat auch erhebliche Kriminalitätsrisiken birgt. "Wenn Malware in Klinik-IT-Systeme kommt, können Patienten sterben", warnte Lee und betonte, dass die Cybersicherheit oberste Priorität genieße.

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