Ärzte Zeitung, 21.11.2016

Videosprechstunde "verunmöglichen"

Blockieren KBV und GKV-Spitzenverband die Telemedizin?

Ab 1. Juli 2017 sollen Ärzte Online-Videosprechstunden abrechnen können. Doch der Präsident des Dermatologenverbands BVDD befürchtet ein Scheitern der Anwendung.

Von Ilse Schlingensiepen

Blockieren KBV und GKV-Spitzenverband die Telemedizin?

Der Arzt auf dem Bildschirm: Gerade wurden die technischen Anforderungen für Online-Videosprechstunden festgelegt.

© Andrey Popov / Fotolia.com

DÜSSELDORF. Die Online-Videosprechstunde kommt nicht ins Laufen, weil die Selbstverwaltung ihre Entwicklung blockiert. So jedenfalls sieht es Dr. Klaus Strömer, Präsident des Berufsverbands Deutscher Dermatologen (BVDD).

"Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der GKV-Spitzenverband unternehmen ernsthafte Bemühungen, die Online-Videosprechstunde zu verunmöglichen", sagte Strömer beim Medica Econ Forum der Techniker Krankenkasse (TK) auf der Medizinmesse Medica in Düsseldorf.

KBV und GKV-Spitzenverband haben sich gerade über die technischen Anforderungen zur Durchführung von Online-Videosprechstunden geeinigt, die ab dem 1. Juli 2017 abrechnungsfähig sein sollen. In einem nächsten Schritt soll der Bewertungsausschuss "geeignete Fachgruppen und Krankheitsbilder" festlegen und die Vergütung verhandeln.

Einige Initiativen gestartet

Hier setzt Strömers Kritik an. Von solchen Begrenzungen stehe nichts im Gesetz, sagt er. "Die Selbstverwaltung will den Ball möglichst flach halten."

Der BVDD hat eine Reihe von Initiativen gestartet, darunter in Kooperation mit der TK eine Online-Videosprechstunde, die Strömer auch in seiner Praxis anbietet. Strömer: "Wir wollen Telemedizin in den fachärztlichen Versorgungsstandard einbetten, den wir kennen."

Entscheidend sei, dass die Videosprechstunde nur Patienten angeboten wird, die der Arzt bereits kennt, erläuterte er. "Der Arzt entscheidet, welcher Patient und welches Krankheitsbild in Frage kommen."

In der Dermatologie sei die Überwachung chronischer Wunden gut geeignet, die Beschreibung von Tumorentitäten dagegen nicht. Hier bestehe insbesondere die Gefahr von falsch negativen Befunden.

Anmeldung mit Code

Bei der Kooperation mit der TK bekommen Patienten einen sechsstelligen Code, mit dem sie sich auf der Seite des technischen Partners Patientus zum vereinbarten Termin einwählen. "Einen Tag vorher erhalten sie eine E-Mail zur Erinnerung", erläuterte Strömer.

Der Patient sieht den Arzt und kann in einem kleinen Fenster unten auf dem Bildschirm sich selbst sehen, beim Arzt ist es umgekehrt. Sie können Bilder und andere Dokumente austauschen.

Die Ärzte brauchen keine große technische Ausstattung, betont der Mönchengladbacher Hautarzt – neben dem internetfähigen Computer vor allem ein Mikrofon, eine ausreichende Beleuchtung und eine Kamera.

Die monatliche Gebühr für Patientus übernimmt die TK. Sie zahlt den Ärzten 20 Euro für jeden Video-Termin. "Die Vergütung ist ungedeckelt", betonte Strömer.

Dennoch hält sich die Resonanz bei den Kollegen in Grenzen. Bislang haben sich rund 100 der 3500 Dermatologen eingeschrieben. "Das haben wir uns anders vorgestellt", räumte er ein. Rund 400 sollten es schon sein. "Wir müssen für Vertrauen werben."

Viele Ärzte scheuen Aufwand

Das gilt auch für die Patienten. Strömer hält im Schnitt fünf bis sechs Video-Sprechstunden in der Woche ab. Grundsätzlich sei die Reaktion auf das Angebot sehr gut. "Die Praxis wird als innovativ wahrgenommen."

Doch auch junge Leute, die mit den modernen Techniken gut vertraut sind, ziehen häufig doch den persönlichen Kontakt mit dem Arzt vor. Strömer geht davon aus, dass sich das Konzept nach und nach verbreiten wird, wenn zufriedene Patienten darüber berichten.

Viele Ärzte scheuen den Aufwand, obwohl der seiner Ansicht nach gar nicht so groß sei. Sie müssen die Patienten informieren und eine Einverständniserklärung einholen, das Praxispersonal schulen und die Software installieren. "Die Ärzte sehen nicht ein, warum sie das machen sollen, da sie ohnehin ausgelastet sind."

Zudem gibt es rechtliche, insbesondere haftungsrechtliche Unsicherheiten. "Deshalb ist es wichtig, den Kollegen eine Entscheidungshilfe an die Hand zu geben."

Strömer hofft, dass sich die Online-Video-Sprechstunde in den nächsten zwei bis drei Jahren als qualitätsgesichertes Angebot in Deutschland etabliert. Wenn das nicht gelingt, werden ausländische Anbieter das Feld übernehmen, der Qualitäts-Aspekt wird ins Hintertreffen geraten, fürchtet er.

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