Ärzte Zeitung, 02.06.2008

Tagesanleihe macht Tagesgeld Konkurrenz

Bund bietet ab Juli neues Finanzprodukt an / Koppelung an renommierten Marktzins / Banken sind verärgert

NEU-ISENBURG (th). Ein Tagesgeldkonto bei Vater Staat: Was die Sparer freut und die Banken ärgert, ist ab Anfang Juli möglich. Mit der so genannten Tagesanleihe bietet die Finanzagentur des Bundes, die unter anderem auch die Bundesschatzbriefe herausgibt, eine Alternative zu Sparbuch und Tagesgeldkonto.

Schon ab 50 Euro können sich Anleger beim Bund eine Tagesanleihe kaufen.

Foto: Ljubco Smokovski©www.fotolia.de

Attraktiv für Sparer sind gleich mehrere Merkmale der neuen Offerte. So liegt die Mindestanlage bei kleinsparerfreundlichen 50 Euro, und Kauf, Abruf und Verwaltung sind gebührenfrei - sofern die Transaktionen über die Bundeswertpapierverwaltung abgewickelt werden. Dafür müssen Sparer dort ein kostenloses Schuldbuchkonto eröffnen.

Die Verzinsung kann viele Tagesgeldangebote von Banken übertreffen. Als Maßstab für den Zins dient der so genannte Eonia-Zinssatz für täglich fällige Anlagegeschäfte zwischen Banken. Von diesem Zins erhalten die privaten Anleger 92,5 Prozent, den Rest behält der Bund für die Deckung des Verwaltungsaufwands. Liegt der Eonia-Satz bei vier Prozent, behält der Staat 0,3 Prozentpunkte ein. Für die Sparer ein lohnendes Geschäft: In den vergangenen sechs Monaten hätte sich für die Anleger eine Rendite von 3,8 Prozent ergeben - mehr Zinsen bieten nur noch wenige Direktbanken.

Lockangebote bei Tagesgeld haben oft nur geringe Dauer

Vorteilhaft für Anleger ist, dass durch die Koppelung an einen renommierten Marktzins eine faire Verzinsung gewährleistet bleibt. So manches hochverzinste Tagesgeld entpuppt sich nämlich als kurzfristiges Lockangebot, das schon nach wenigen Monaten wieder auf den mageren Standardzins zurückfiel.

Einziger direkter Konkurrent für die Tagesanleihe ist derzeit der Eonia-Indexfonds von der Deutsche-Bank-Tochter dbx-Trackers, der bereits zu einem der größten Verkaufshits der Fondsbranche avanciert ist. "Mit zwei Milliarden Euro innerhalb kurzer Zeit ist der Eonia-Fonds der erfolgreichste Indexfonds, der bislang in Europa emittiert wurde", sagt Indexfonds-Experte Thorsten Michalik von der Deutschen Bank.

Die Deutsche Bank bietet den Eonia-Index abzüglich 0,15 Prozentpunkte und liegt damit über den Konditionen des Bundes. Die Sicherheit der Fondsanlage ist hoch, weil das Fondsvermögen in erster Linie aus kurzlaufenden Anleihen besteht und Derivategeschäfte nur mit zusätzlicher Risikoabsicherung vorgenommen werden.

Ganz frei von Risiken sei der Fonds jedoch nicht, sagt Finanzexperte Thomas Bieler von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Die Koppelung der Fondsrendite an dem Index wird zwar angestrebt, aber nicht garantiert." Die Deutsche Bank wirbt zwar mit einem "minimalen Tracking Error", worunter eine geringstmögliche Abweichung vom Eonia-Referenzzins zu verstehen ist. Eine Haftung für den Fall einer größeren Abweichung übernimmt das Geldhaus jedoch nicht. Dazu kommen die Gebühren für Kauf, Verkauf und Depotverwaltung, weil die Fondsanteile wie Aktien über die Börse gehandelt werden.

Im Vergleich zur Fonds- und Tagesgeldkonkurrenz hat somit die Offerte des Bundes gute Karten. Gegenüber Geldmarkfonds und dem Eonia-Fonds haben die Anleger beim Bund Kostenvorteile durch die gebührenfreie Abwicklung. Ein Vorzug gegenüber den Tagesgeldangeboten ist die Koppelung der Verzinsung an den Kapitalmarkt, so dass willkürliche Änderungen zum Nachteil des Kunden ausgeschlossen sind.

Banken ärgern sich über das neue Angebot des Bundes

Die Banken ärgert es gewaltig, dass der Staat ihnen Konkurrenz macht. Die Einmischung des Bundes in das Bankengeschäft müsse ordnungspolitisch geprüft werden, kritisiert der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken BVR.

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