Ärzte Zeitung, 02.10.2008

Und so seh' ich es

Elf Stellen für die lebenslange steuerliche Glückseligkeit

Weihnachten ist zwar erst in ein paar Monaten, aber schon jetzt wurden wir von unserem Finanzminister Peer Steinbrück beschert. Klar, dass von einem Finanzminister kein Geld zu erwarten ist - ist er doch eher bestrebt, uns noch tiefer in die Taschen zu greifen. Seine Bescherung war denn auch ganz spezieller Art. Still und ohne großes Aufsehen, man könnte sagen, fast heimlich, "beschenkte" er uns, jeden einzelnen von uns, mit einer persönlichen fiskalischen Nummer.

Und hier zeigte er sich auch keineswegs sparsam, sondern geradezu üppig: Jede dieser so genannten Identifikationsnummern besteht aus nicht weniger als elf Ziffern. Jeder Einwohner Deutschlands, ohne Ausnahme, bekommt diese vorweihnachtliche ministerielle Gabe, und diese Nummer begleitet ihn dann von der Wiege bis zur Bahre - der Mensch wird erfasst wie eine Ware.

Bereits das Neugeborene, das kaum seine Augen öffnen und weder Mama noch Papa sagen kann, wird mit seiner ganz persönlichen eigenen Nummer "beschenkt". Die wird ihm in absoluter Treue zueigen sein und ihn niemals mehr verlassen. Der Finanzminister zeigt sich da als durchaus vorausschauend: Es könnte ja sein, dass ein reicher Onkel dem Baby zur Begrüßung auf dieser gar nicht so heilen Welt ein hübsches Aktienpaket präsentiert oder der Malermeister Peter Pinsel aus Freude über den endlich geborenen Stammhalter diesen gleich zum Teilhaber ernennt - an derartigen Überraschungen zeigt sicherlich nicht nur die Familie, sondern auch das Finanzamt höchstes Interesse.

So ganz nebenbei, wirklich nur am Rande bemerkt: Wir Deutsche sollten mit einer solchen Nummerierung ausgesprochen vorsichtig und zurückhaltend sein - es leben unter uns noch Menschen, denen der Name genommen wurde, die nur noch eine Nummer waren. Ein Bürger aber hat seinen Namen, hat sein Gesicht und auch seine Vita; eine Nummer dagegen ist ein virtuelles, seelenloses Geschöpf ohne Gesicht.

Eine Nummerierung mag zwar, zugegebenermaßen, die Verwaltung erleichtern, sie ist aber des Menschen unwürdig - ist, anders gesagt, inhuman.

Oder können Sie sich vorstellen, eines Tages in der Zeitung zu lesen, dass die Bundeskanzlerin Nr. 00123456789 oder der Bundeskanzler Nr. 00987654321 verantwortlich für mehr als 80 Millionen Nummern sei?

Es ist erst wenige Tage her, dass mit Erregung über die mangelnde Sicherheit von EDV-Daten, über Datenklau und Datenhandel debattiert wurde. Ob man annehmen darf, dass der Finanzminister unsere persönlichen, äußerst sensiblen Daten, die das Bundeszentralamt für Steuern derzeit so akribisch zusammenträgt, in einer Art Fort Knox auch wirklich gut bewacht? Denn für Hacker und andere Chaoten wäre es zweifellos ein Vergnügen, mit all diesen Daten zu "jonglieren" - meint

Ihr Ironius

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »