Ärzte Zeitung, 10.11.2008

Viele fallen auf die Schaufensterprodukte rein

Die Angebote der privaten Krankenversicherer objektiv zu vergleichen, das gelingt auch Internet-Tarifrechnern nicht. Es gibt Vorschläge zur Verbesserung.

Von Ilse Schlingensiepen

Viele fallen auf die Schaufensterprodukte rein

Wenn die Unterschrift unter die Versicherungspolice gesetzt wird, wissen die wenigsten, ob das Preisleistungsverhältnis stimmt.

Foto: Wechsel©www.fotolia.de

In keiner anderen Versicherungsart ist für Kunden der Tarif-Vergleich so schwierig wie in der privaten Krankenversicherung (PKV). Die Produkte weisen eine Bandbreite von unterschiedlichen Leistungsversprechen auf, es gibt eine Differenzierung, die in anderen Sparten nicht so ausgeprägt ist", sagt Dr. Christian Hofer, Vorstand der HUK-Coburg Krankenversicherung.

Zwar gebe es in Zeitschriften und von verschiedenen Anbietern Versicherungsvergleiche, doch die meisten basierten nicht auf objektiven und sachlich nachvollziehbaren Kriterien, moniert Hofer.

Um den für ihn geeigneten Tarif zu finden, sollte der künftige PKV-Kunde nach seiner Einschätzung drei Fragen klären: Welches Produkt ist für seine Bedürfnisse mit Blick auf den Leistungsumfang und die Servicewünsche am besten geeignet? Bei welchen Versicherungsunternehmen findet sich dafür das beste Preis-Leistungs-Verhältnis? Wie ist die künftige Beitragsentwicklung zu bewerten?

Tarifvergleiche erfassen oft nicht das ganze Produkt

Gerade wenn es darum geht, Informationen über das Preis-Leistungs-Verhältnis zu erhalten, sind die meisten Rankings und Vergleiche ungeeignet, glaubt Hofer. Seine Kritik: Die Gewichtung und Bewertung einzelner Leistungskriterien unterliege oft einer gewissen Beliebigkeit und erfasse nicht das gesamte Produkt. Der Versicherungsmathematiker plädiert dafür, für die Vergleiche die verschiedenen Leistungen nach ihrem kalkulatorischen Gewicht zu berücksichtigen, also mit den Kosten, die für sie in die Kalkulation des Tarifs einfließen.

Hofer nennt ein Beispiel: Bei der Auslandsreisekrankenversicherung wird die Abdeckung des Risikos Rücktransport ins Heimatland mit 0,30 Euro in den Tarif eingepreist. Anbieter A nimmt für die Police inklusive Rücktransport 30 Euro, Anbieter B 25 Euro für die Police ohne die Zusatzleistung. "Das zeigt, dass bei Anbieter A die Basisleistung deutlich teurer ist", sagt er.

Viele Verträge suggerieren umfangreiche Leistungen

Viele herkömmliche Vergleiche würden aber suggerieren, dass der Kunde für die teurere Police eine entsprechend wertvollere Leistung erhält, sagt Hofer. Bei der Berücksichtigung des kalkulatorischen Gewichts wäre das nicht der Fall. "Es ist wichtig, dass der Kunde die tatsächlichen Unterschiede zwischen den Tarifen kennt und nicht suggeriert bekommt, etwas ist wegen einer Zusatzleistung teurer."

Nach dem von ihm vorgeschlagenen Verfahren - über das Hofer jetzt promoviert wurde - werde es für den Kunden leichter, sogenannte Schaufensterprodukte besser zu erkennen, also Produkte, bei denen Leistungen im Vordergrund stehen, die für den Versicherungsschutz eher unbedeutend sind. Neben dem Rücktransport nennt Hofer dafür als Beispiel auch Tarife, die Arztrechnungen auch oberhalb des GOÄ-Höchstsatzes erstatten.

Da in der PKV ohnehin nur 0,5 Prozent der Rechnungsbeträge über das 3,5-Fache hinausgehen, spiele dieses Kriterium für die Kalkulation kaum eine Rolle. "Es hat nur untergeordnete Bedeutung, wird von manchen in Vergleichen aber als K.o.-Kriterium gewertet", sagt er.

Ihm gehe des darum, den PKV-Markt für Kunden transparenter zu machen. Es sei wichtig, Kunden bei der Auswahl zu unterstützen, und nicht, das beste Produkt herauszufiltern. Nach Einschätzung des HUK-Coburg-Vorstands ist das Verfahren auch auf andere Versicherungssparten übertragbar.

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