Ärzte Zeitung, 21.11.2008

Zertifikate-Besitzer sollten umsatteln

Zertifikate haben einen schweren Stand. Viele Anleger haben erst jetzt gemerkt, dass die Papiere versteckte Risiken enthalten und dass sie damit eine Menge Geld verloren haben. Zudem werden Zertifikate durch die Abgeltungssteuer zumindest zeitweilig unattraktiv. Stehen die Papiere vor dem Aus?

Von Jürgen Lutz

Zertifikate-Besitzer sollten umsatteln

Geld verbrannt haben manche Anleger mit Zertifikaten.

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Jahrelang waren Zertifikate für Anleger ein beliebtes Spielzeug zum Geldverdienen. Doch angesichts der Finanz- und Bankenkrise dämmert vielen, dass das Risiko höher ist als gedacht. Wer etwa Zertifikate angeschlagener Banken im Depot hat, muss diese eventuell als Totalverlust verbuchen. Damit wird vielen bewusst, was die Banken gern im Kleingedruckten erwähnen: Zertifikate sind Schuldverschreibungen. Ist die emittierende Bank pleite, ist auch das Papier keinen Cent mehr wert. "Mit schönen Zusätzen wie Garantie oder Protect wurde Sicherheit suggeriert, die nicht gegeben ist", sagt Claus Walter von der Freiburger Vermögensmanagement GmbH.

Hinzu kommt: Auch unter steuerlichen Aspekten machen Zertifikate kaum noch Spaß. Denn dauerhaft steuerfrei bleiben nur solche Papiere, die vor dem 15. März 2007 gekauft wurden und mindestens zwölf Monate im Depot lagen. Wer nach diesem Stichtag solche Papiere erworben hat, kann den Kursgewinn nur steuerfrei kassieren, wenn die Papiere nach mindestens einem Jahr Haltezeit und vor dem 30. Juni 2009 verkauft werden. Wer sie nach dem 30. Juni 2009 verkauft, muss Abgeltungssteuer zahlen, sagt Vermögensverwalter Markus Zschaber aus Köln.

Damit stehen Zertifikate-Anleger noch schlechter da als Käufer von Aktien oder Fonds. Denn: Bislang sind bei Zertifikaten Kursgewinne steuerfrei, wenn die Papiere mindestens ein Jahr lang gehalten wurden.

Das ist auch bei Aktien und Fonds der Fall. Allerdings gibt es dort keine zeitliche Begrenzung für den Erhalt der Steuerfreiheit: Wer vor dem 31. Dezember 2008 kauft und die Papiere mindestens ein Jahr lang hält, kann die Kursgewinne steuerfrei einstreichen. Einen Stichstag wie bei den Zertifikaten gibt es nicht.

Anleger, die Indexzertifikate etwa auf den Deutschen Aktienindex im Depot haben, sollten deshalb überlegen, ob sie diese gegen einen Indexfonds eintauschen. Vorteil: Auf die Kursgewinne des Fonds fällt selbst bei einer Haltedauer von 20 Jahren keine Steuer an, wenn die Anteile noch in diesem Jahr gekauft werden. Zudem sollte man Zertifikate, die nach dem 14. März 2007 erworben wurden, vor dem 30. Juni 2009 veräußern, um Kursgewinne steuerfrei zu kassieren.

Anleger sollten auf jeden Fall die Lektion aus dem Lehman-Debakel beherzigen und in Zukunft nicht blind auf neue Zertifikate setzen. Viele Papiere enthalten versteckte Risiken, die mit der Komplexität der Produkte ebenso ansteigen wie die versteckten Kosten, sagt Michaela Gajewski von der Vermögensverwaltung Stuttgart. Zertifikate sollten daher nie den Hauptbestandteil eines Depots ausmachen und zudem von finanzstarken Emittenten stammen, so die Vermögensverwalterin.

Was bringen Zertifikate-Fonds?

Manche Berater empfehlen derzeit Zertifikate-Fonds. Diese Fonds kaufen selbst Zertifikate ein. Dem Emittenten-Risiko begegnen diese Fonds durch eine gesetzlich vorgeschriebene breite Streuung auf verschiedene Häuser. Investments in solche Fonds sind von der Abgeltungssteuer befreit, sofern der Fonds die Zertifikate und der Anleger den Fonds vor dem 1. Januar 2009 erwerben. Für Anleger, die bis Jahresende in solche Fonds investieren, sind die Kursgewinne des Fonds auch nach dem 30. Juni 2009 steuerfrei. Allerdings gilt die Steuerfreiheit nur für Zertifikate, die der Fondsmanager bis Ende 2008 kauft. Claus Walter vom Freiburger Vermögensmanagement ist von diesen Fonds nicht überzeugt: "Die wenigsten Fonds dieser Gattung haben bisher bewiesen, dass die in guten wie in schlechten Zeiten besser abschneiden als Aktienfonds."

Neutrale Infos über Bonität der Banken

Bei Zertifikaten ist wichtig, dass Anleger die Konstruktion der Papiere verstehen. Zudem sollten Zertifikate von finanzstarken Emittenten stammen. Denn wenn der Emittent - meist ist es eine Bank - pleite geht, ist das Papier wertlos. Um die Kreditwürdigkeit derBank zu prüfen, müssen sich Anleger nicht auf die in die Kritik geratenen Ratingagenturen verlassen. Auf der Website www.deutscher-derivate-verband.de (dort "Transparenz", dann "Bonität: Credit Spreads" anklicken) findet man Daten darüber, wie die Banken untereinander aktuell ihre Bonität bewerten. Je niedriger die angegebene Prämie, desto höher ist die Kreditwürdigkeit. Am besten bewertet werden derzeit BNP Paribas, ABN Amro und die DZ-Bank.

www.deutscher-derivate-verband.de

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Weitere Beiträge zur Serie:
"Geldanlage in Zeiten von Abgeltungssteuer und Finanzkrise"

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