Ärzte Zeitung, 02.03.2009

Anlagen-Kolumne

Aktienwerte vorauszusehen ist schwieriger denn je

Die klassische Fundamentalanalyse von Aktien ist in der aktuellen Krise ein schier unmögliches Unterfangen. Es gibt wenig Orientierungspunkte im Markt.

Von Jens Ehrhardt

Bei der Analyse von Aktien, Branchen oder ganzen Aktienmärkten kann die Fundamentalanalyse als die klassische Methode angesehen werden. Hier wird der sogenannte innere oder mit anderen Worten fundamental gerechtfertigte Wert aus geeigneten Ertrags- oder Substanzkennzahlen hergeleitet. Dabei wird unterstellt, dass der tatsächliche Marktwert oder Börsenkurs einer Aktie eines Unternehmens aufgrund von Ineffizienzen am Markt phasenweise mehr oder weniger stark vom inneren Wert abweicht. Liegt der innere Wert oberhalb des aktuellen Marktpreises, ergibt sich ein Kaufsignal, liegt er unterhalb, ein Verkaufsignal.

Betrachtet man exemplarisch die zurückliegenden 50 Jahre, so wurden die 500 Unternehmen des US-amerikanischen S&P-500-Index (Standard & Poor's 500) im Schnitt mit dem 17-fachen ihrer erwirtschafteten Jahresgewinne an der Börse gehandelt. Am Abend vor dem Platzen der Spekulationsblase Anfang 2000 blätterten Anleger für die S&P-500-Firmen sogar doppelt so viel für die Aktien hin, als sie wert waren. Den Boden hatten die Aktien dann aber meist nur bei Bewertungen mit dem Zehn- oder Zwölffachen der Unternehmensgewinne gefunden. Das heißt, die Anleger mussten deutliche Verluste hinnehmen.

Heute hingegen ist es äußerst schwierig, überhaupt entsprechende Multiplikatoren zu ermitteln, da die Unternehmensergebnisse extremen Schwankungen unterliegen. Bewertet man die S&P-Unternehmen etwa auf Basis ihrer bisher veröffentlichen Gesamtgewinne aus 2008, erreichen sie den 17-fachen Wert dieser Gewinne. Damit wären sie im historischen Vergleich durchschnittlich bewertet und durchaus für Anleger interessant.

Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn man lediglich das vierte Quartal 2008 zugrunde legt. In diesem Zeitraum erwirtschafteten die Unternehmen per saldo einen Gesamtverlust. Rechnet man diesen auf zwölf Monate hoch, so wäre der S&P 500-Index derzeit mit rund dem 20-fachen der erwirtschafteten Verluste bewertet. Ein Grund von der Anlage eher die Finger zu lassen.

Heute ist es somit äußerst schwierig, aus fundamentalen Kennzahlen einen Boden für die Aktienbewertungen herzuleiten. Dem konservativen Anleger bleibt nichts anderes übrig, als auf wenig zyklische Unternehmen zu setzen, die Aussicht auf verhältnismäßig konstante Gewinn- und Dividendenströme bieten. Entsprechend der Tatsache, dass nur wenige Unternehmen diese Eigenschaften aufweisen, sollten die Aktienquoten bis auf Weiteres begrenzt bleiben.

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