Ärzte Zeitung, 10.07.2009

Sicherheit ist wieder die oberste Maxime

Dax und Co drehen nach einem kurzen Anstieg wieder nach unten ab. Staatsanleihen sind gefragter denn je. Für viele Anleger ist die Sicherheit ihrer Anlagen wichtiger als die mögliche Rendite.

Von Jürgen Lutz

Kraftvoll steht der Bulle da, der an der Börse den Anstieg symbolisiert. Aber wird er sich im Sommer wirklich durchsetzen?

Foto: Heino Pattschull©www.Fotolia.de

Der Dax erreichte in den ersten Juni-Wochen ein neues Hoch bei 5178 Zählern, bis er in der zweiten Monatshälfte einen Schwächeanfall bekam. Seit Julibeginn geht es kontinuierlich abwärts mit der deutschen Leitbörse. Inzwischen notiert der Index bei 4560 Punkten - das sind 600 Zähler unter dem Juni-Hoch. Damit erfüllte sich die jüngste Prognose in der "Ärzte Zeitung", wonach ein Kursrückgang an den Aktienbörsen wahrscheinlicher sei als ein weiterer Anstieg.

  • Aktien Dennoch wollen die Aktien-Optimisten das Feld nicht räumen. Ihr Argument lautet: Nach einem Anstieg von 1600 Punkten seit März ist eine Korrektur von einem guten Drittel nicht weiter tragisch. An fundamentalen Gründen wird gerne die China-Story bemüht mit der Quintessenz, dass das Land die Weltwirtschaft durch staatlich verordnete Nachfrage aus dem Schlamassel ziehen werde.

Doch die Optimisten übersehen, dass an den Märkten Kräfte walten, die eigenen Regeln gehorchen. Eine davon lautet: Wenn in einem so dominanten Abwärtstrend, wie wir ihn seit Anfang 2008 haben, ein Index sich der Linie dieses Abwärtstrends zum ersten Mal von unten nähert, ist es wahrscheinlicher, dass er wieder fällt, als dass er diese Linie überwindet. Genau das lässt sich seit Ende Juni beobachten.

Optimisten übersehen gerne die Kräfte des Marktes.

Dazu passt auch die fundamentale Nachrichtenlage. Zwar bessern sich die fundamentalen Faktoren wie die Auftragseingänge, doch befinden sie sich auf einem sehr niedrigen Niveau, wie es nur in tiefen Rezessionen oder sogar Depressionen erreicht wird.

All das schließt nicht aus, dass Dax und Co. in den nächsten Tagen ein paar hundert Punkte zulegen könnten. Privatanleger sollten sich aber bewusst sein, dass dies ein Markt von Profi-Spekulanten ist, worauf auch die geringen Umsätze hindeuten. Wer dem hier geäußerten Rat folgte, hat sich bei etwa 5000 Punkten aus dem Markt verabschiedet und sieht nun gelassen von der Seitenlinie zu.

  • Anleihen Staatsanleihen waren die großen Gewinner der Finanz- und Wirtschaftskrise in der zweiten Jahreshälfte 2008. Die Vermutung, dass sie das wieder werden könnten, hat sich inzwischen bestätigt: Der Bund Future, der die langfristigen Zinserwartungen der Marktteilnehmer invers abbildet, schießt förmlich seit vier Wochen nach oben. Das bedeutet: Die Kurse bereits ausgegebener Staatsanleihen steigen, die langfristigen Zinsen sinken.

Beides ist ein Spiegelbild der Tatsache, dass die Investoren zunehmend das Risiko scheuen und Zuflucht bei Vater Staat suchen. Die Wucht, mit der der Bund Future nach oben klettert, ähnelt stark dem Anstieg des vergangenen Jahres. Diese Tatsache stützt die Annahme, dass wir an den Aktienmärkten aktuell eine Umkehr erleben. Zudem fragt man sich angesichts des Sturms auf Staatsanleihen, welche Hiobsbotschaften in den nächsten Wochen und Monaten an den Tag kommen werden.

  • Rohstoffe/Gold Nicht nur die Aktienmärkte haben von der Erwartung einer anziehenden Konjunktur profitiert. Auch die Rohstoffmärkte stiegen an, zumal sie nach dem vorherigen Anstieg extrem stark gefallen waren. So verteuerte sich etwa das Barrel Rohöl (159 Liter) von 40 auf 74 Dollar; auch der Preis für den Konjunktur-Indikator Kupfer verdoppelte sich von Januar bis Juni nahezu. Inzwischen kostet Rohöl 60 Dollar und auch Kupfer dürfte bald den Rückwärtsgang einschalten, wenn klar wird, dass die Weltwirtschaft keineswegs vor einem Boom steht.

Ob der Inflationsindikator Gold von einer Aktienschwäche profitiert, bleibt abzuwarten. In der Hochphase der Krise im vergangenen Jahr stiegen die Anleihekurse und der Goldpreis gemeinsam und deuteten damit Unsicherheit darüber an, ob es eher zu einer Inflation oder einer Deflation kommt. Da in der Weltwirtschaft auch derzeit beide Kräfte wirken - Deflation durch eine gigantische Vernichtung von Vermögen, die auf Schulden basieren; Inflation durch die Maßnahmen der Notenbanken und der Politiker -, ist es durchaus möglich, dass Anleihen und Gold bald wieder steigen.

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