Ärzte Zeitung, 20.07.2009

Anlagen-Kolumne

Angebotsexplosion wird Kurse auf Talfahrt schicken

Sparer suchten im vergangenen Herbst ihr Heil in vermeintlich sicheren Staatsanleihen. Jetzt ist es aber Zeit, an einen Ausstieg zu denken.

Von Jens Ehrhardt

In der zweiten Jahreshälfte 2008 war es rückblickend sicher richtig, Gelder in Staatsanleihen mit guten Rating-Einstufungen zu transferieren. Die Abwärtsdynamik an den Aktienmärkten war schließlich (bis zum Frühjahr 2009) ungebrochen, weshalb das Segment der Aktien für ein Investment kaum in Frage kam.

Teils noch größere Risiken wiesen Engagements in (Garantie-)Zertifikaten auf, bei denen - wie bei Lehman Brothers - Totalausfälle durch Pleiten der Emittenten drohten. Selbst Bankeinlagen waren mit Blick auf den damals akut drohenden Zusammenbruch des Finanzsystems keinesfalls sicher. Vor diesem Hintergrund war es durchaus verständlich, dass die extreme Nachfrage nach Staatsanleihen die Kurse derart in die Höhe trieb, dass diese zeitweise negative Renditen aufwiesen.

Angebotsschwemme durch Rekordverschuldungen

So verständlich die Flucht in Staatsanleihen also damals war, so sehr sollten Anleger jetzt längerfristige Engagements in diesen Papieren überdenken. Denn die anstehende Angebotsexplosion bei Staatsanleihen im Zuge der internationalen Rekordneuverschuldung öffentlicher Haushalte dürfte die Kurse genauso belasten wie die international auf Rekordniveau liegende Ausgabe von Unternehmensanleihen. Im Mai und Juni wurden zum Beispiel allein in den USA Unternehmensanleihen im Umfang von jeweils über 60 Milliarden Dollar neu platziert. Bei den Staatsanleihen wird man sich weltweit bald an Ausgabeniveaus von über 100 Milliarden Dollar pro Woche gewöhnen müssen. Wer aber soll diese Anleihen ohne Kursrückgänge kaufen?

Die Flut an Unternehmensanleihen ist mit sich immer weiter verschlechternden durchschnittlichen Einstufungen der Unternehmen durch die Rating-Agenturen verbunden. Letztere können also zumindest im Bereich der Unternehmensanleihen die Augen vor den erheblichen Risiken nicht länger verschließen. Es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis auch die Ratings der öffentlichen Haushalte auf einen realistischeren (kritischeren) Prüfstand gestellt werden.

Die extrem ausufernden Staatsdefizite resultieren, vor allem in den USA, auf dem Versuch, die hohe Konsumverschuldung auf die Schultern des Staates zu verlagern. Ob dieses volkswirtschaftliche Experiment gelingt, muss durchaus angezweifelt werden. Im Verlauf dieses Jahres könnte damit die Situation eintreten, dass massive Anleiheausgaben der Industrieländer die langfristigen Zinsen nach oben drücken werden, was mit fallenden Anleihenkursen verbunden wäre, während sich die Konjunktur insgesamt erneut verschlechtert.

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