Ärzte Zeitung, 23.11.2009

Kaufen und liegen lassen - diese Strategie funktioniert nicht mehr

Aktien kaufen und lange Jahre liegen lassen - mit diesem Credo konnten Anleger in den 1980er- und 1990er-Jahren ordentliche Renditen erzielen. Doch heute funktioniert das nicht mehr. Da sind sich viele Vermögensverwalter einig.

Von Jürgen Lutz

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Wie in der Achterbahn: Momentan geht es an der Börse nach oben, Experten sehen die Kurse aber schon auf Talfahrt.

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An den Finanzmärkten kommt es immer häufiger zu einschneidenden Korrekturen, die Gewinne so schnell dahin schmelzen lassen wie Butter in der Sonne. Allein in diesem Jahrzehnt gab es zwei Abschwünge, bei denen wichtige Aktienindizes in der Spitze 50 bis 75 Prozent an Wert verloren.

Bis 2000 kannte der Dax nur eine Richtung: nach oben

Das war vor etlichen Jahren anders: Wer Anfang 1985 in den Deutschen Aktienindex (Dax) investierte und kurz vor dem Hoch Anfang 2000 verkaufte, konnte sich zu den Glückspilzen zählen. Trotz einiger Korrekturen schien der Aktienmarkt nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Kein Wunder, dass das Bonmot des Börsenaltmeisters André Kostolany hoch im Kurs stand: "Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich."

Im folgenden Jahrzehnt trieb dieselbe Strategie manche Anleger an den Rand des Nervenzusammenbruchs, andere an den Rand des Ruins: "Von 2000 bis 2003 verlor der Dax 75 Prozent an Wert, machte den Verlust bis 2007 aber wett - nur um dann erneut bis auf 3600 Zähler abzustürzen. Seither läuft eine Rallye, die den Index bis auf über 5800 Punkte führte", sagt Frank Rüdiger Griep, Vorstand des unabhängigen Vermögensverwalters AltBayern AG mit Sitz in Regensburg. Unterm Strich steht für die meisten Privatanleger ein dickes Minus, "vor allem für jene, die schlimme Verlustbringer im Depot gelassen haben - Stichwort T-Aktie", so der bankenunabhängige Vermögensverwalter.

Für Griep ist klar: Die Kaufen- und-Halten-Strategie ist tot. Die Gründe sieht er vor allem in der "zunehmenden Verwendung von Derivaten wie Futures und Optionen, die mit großem Hebel die Märkte viel stärker beeinflussen als früher". In der Tat erlebte der Dax das größte Plus am Pfingstmontag - einem Tag, an dem die Kurse nahezu ausschließlich über diese Terminmärkte bewegt wurden.

Michael Dutz, Vorstand der Adlatus AG mit Fokus auf Ostdeutschland, glaubt zudem, "dass der Faktor Psychologie an der Börse wegen der zunehmenden Informationsflut über Internet und Medien immer wichtiger wird". Ganz pauschal will der Finanzprofi das Kaufen und Halten aber nicht verwerfen. So sollten Anleger, die Wert auf kontinuierliche Erträge legen, Zinspapiere bis zum Ende ihrer Laufzeit sowie ertragsstarke offene Immobilienfonds halten. "Für Aktien und Rohstoffe ist die Kaufen-und-Halten-Strategie aber obsolet", so der Finanzprofi.

In der aktuellen Rallye gilt es vorsichtig zu sein

Jens Richter von der Aktien & Fonds Vermögensverwaltung mit Sitz in Dresden setzt diese Einsicht bereits seit Jahren um. Richter, der als Finanzportfolioverwalter wie seine Kollegen regelmäßig von der Aufsichtsbehörde BaFin geprüft wird, hat nach eigenem Bekunden Ende 1999 alle Aktien verkauft und ein Viertel des Depots in Goldaktien investiert. Im Aufschwung ab 2003 setzte er wieder stärker auf Aktien. Kurz vor dem jüngsten Crash, im Juni 2007, habe er sich dann vom letzten Dividendentitel getrennt.

Für Richter ist die aktuelle Rallye erneut ein Grund, vorsichtig zu werden: "Heute ist das Risiko am Aktienmarkt höher als in der Panik im Frühjahr 2009." Der Vermögensverwalter geht aus diesem Grund davon aus, dass es nach den deutlichen Gewinnen der vergangenen Monate zu spürbaren Kursverlusten bei Aktien kommen wird - "vielleicht schon jetzt, vielleicht erst im Januar oder Februar". Ob ihm dabei ein so gutes Timing wie vor einem Jahrzehnt gelingt, bleibt abzuwarten.

Plädoyer für die klassische Strategie: "Die Buy-and-Hold-Bibel"

Rational investieren heißt über Jahrzehnte hinweg anlegen, dabei vor allem auf die langfristigen Renditechancen von Aktien zu setzen und selbst bei Börsencrashs nicht die Fassung zu verlieren. Mit diesen Thesen ficht der Banker Gerd Kommer in seinem aktuell erschienenen Buch "Die Buy-and-Hold-Bibel" für einen wahrhaft langfristigen Investment-Ansatz, mit dem der Anleger auch in extremen Zeiten wie dem Börsencrash 2008/09 Kurs halten können soll. Die Argumentation ist stringent, nachvollziehbar und wird verständlich dargelegt.

Kommers Untersuchung der Realrenditen einzelner Anlageklassen seit 1900 zeigt, dass Aktien nach Inflation und unter sehr langfristiger Betrachtung die attraktivste Anlageklasse sind.

Sie liegen mit durchschnittlich 5,2 Prozent Rendite nach Inflation zwar weit unter den von der Finanzindustrie geschürten Erwartungen, aber weit vor der Konkurrenz aus Staatsanleihen, Rohstoffen, Gold und Immobilien. Aktien sind daher für den langfristigen Vermögensaufbau unverzichtbar, sollten aber - je nach Mentalität sowie Zeithorizont - mit risikolosen Anlagen kombiniert werden.

Wie man das mit kostengünstigen Indexfonds am besten hinbekommt, das Risiko der Gesamtanlage mindert und zugleich die Rendite leicht erhöht, erläutert der Autor ebenfalls detailliert und sehr verständlich. Fazit: Ein lesenswertes Buch - auch oder vielleicht erst recht für alle, die von "Buy and Hold" nichts mehr halten.

Gerd Kommer, "Die Buy-and-Hold-Bibel", Frankfurt, 2009, Campus Verlag GmbH, 224 Seiten, 24,90 Euro

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