Ärzte Zeitung online, 08.12.2009

Das Jahr der Hoffnung - 2010 geht es aufwärts, aber langsam

FRANKFURT/MAIN (dpa). Steht Deutschland vor einem Aufschwung oder droht ein Jahrzehnt ohne ordentliches Wachstum? Noch ist es nicht ausgemacht, dass die schwerste Rezession seit 80 Jahren schnell zu Ende geht. Auch wenn die Wirtschaft sich schneller von der Krise erholt als gedacht, könnte es 2010 nur langsam aufwärtsgehen.

Entscheidend wird sein, wie rasch sich die Banken erholen, wie stark die Arbeitslosigkeit steigt und ob die anderen Staaten der Welt beim deutschen Exportweltmeister wieder mehr Waren ordern. "Deutschland schwimmt wie ein Korken auf den Wogen der Weltkonjunktur", hatte der Präsident des Münchner ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, diese Abhängigkeit erklärt.

So recht einig sind sich die Experten beim Blick aufs neue Jahr nicht. Von einem "robusten Aufschwung" spricht der neue Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, der damit zum Lager der Optimisten gehört. Die Wirtschaft werde 2010 um zwei Prozent zulegen. "Die Bundesrepublik wird also zur Wachstumslokomotive Europas." Andere sind da zurückhaltender. Der Konjunkturchef des ifo-Instituts, Kai Carstensen, erwartet eine zögerliche Erholung ohne überschäumendes Wachstum. "Das einzig Gewisse ist das Ungewisse." Pessimisten trauen Deutschland nur etwas mehr als ein Prozent Wachstum zu.

Aber selbst das wäre fantastisch im Vergleich zu den Prognosen von vor einem Jahr. Um bis zu sechs Prozent sollte die Wirtschaft 2009 schrumpfen - vier bis fünf Prozent Minus werden es wohl sein. Der Absturz ist fünfmal so stark wie beim bisher schlimmsten Einbruch 1975 nach der Ölkrise. Erst 2013 erreicht die Wirtschaft wieder das Niveau von vor der Krise.

Denn die Verhältnisse sind alles andere als normal, das zeigte gerade erst der Schock über das Emirat Dubai, wo ein großer Staatsfonds seine Gläubiger um Aufschub bei Milliarden-Schulden bitten musste.

Schuldenexzesse hatten die Krise ausgelöst. Mit noch mehr Krediten haben Regierungen und Notenbanken den Absturz seit 2008 gestoppt. Doch jetzt liegen die Schulden in den Bilanzen der Banken und in den Staatshaushalten. Wie diese Entschuldung, die schnell gehen muss, aussehen soll, weiß noch niemand.

So türmen sich ungelöste Probleme. Vor allem für die Banken dürfte es ein unruhiges neues Jahr werden. Noch immer schlummern laut Bundesbank in den Bilanzen deutscher Institute "Giftpapiere" von etwa 90 Milliarden Euro. Und wie reagieren die Institute auf die gefürchteten Löcher in ihrer Bilanz? Sie horten Geld und verknappen Kredite. Auf Druck der Politik haben die Banken nun einen 300 Millionen Euro schweren Mittelstandsfonds vorgeschlagen, aus dem Firmen Finanzspritzen für ihr Eigenkapital bekommen sollen, um wieder bessere Ratings und günstigere Kredite zu erhalten.

Der tief verschuldete Staat kann jedenfalls nicht mehr unbegrenzt helfen. Der Überraschungserfolg von 2009, die staatliche Abwrackprämie, ist passé. Die Konjunkturpakete, die den Bau über Wasser gehalten haben, laufen im nächsten Jahr aus. Vielen Firmen wird das Geld ausgehen. Nach Berechnung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform werden 2010 so viele Unternehmen pleitegehen wie nie zuvor. 40 000 Firmen könnten Insolvenz anmelden. "Die Wirtschaftskrise fordert ihren Tribut", sagt Vorstandsmitglied Helmut Rödl.

Die Geldschwemme könnte langfristig auch die Inflation steigen lassen, wenn die Zentralbanken das billige Geld nicht rechtzeitig wieder einholen. Höhere Preise ziehen den Verbrauchern das Geld aus der Tasche. Wegen schrumpfender Budgets und aus Angst um ihren Job werden die Konsumenten das Wachstum nicht recht stützen. Hat die Kurzarbeit in diesem Jahr den Arbeitsmarkt noch über Wasser gehalten, so dürfte die Arbeitslosigkeit bis Ende 2010 auf über vier Millionen steigen - die Krise macht sich bei Jobs mit Verzögerung bemerkbar.

So wird es wohl ein mühsamer Aufstieg aus dem tiefen Tal werden. Wie die historische Erfahrung zeigt, dauert die Erholung nach Rezessionen, die von Finanzkrisen ausgelöst wurden, immer länger als bei normalen Rezessionen. Frank Roselieb vom Kieler Institut für Krisenforschung beschreibt die Lage so: "Deutschland ist ein Adler, dem die Flügel gestutzt wurden."

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