Ärzte Zeitung, 31.05.2010

Angst vor Euro-Pleitegeier hat auch Positives

Die Schuldenkrise hat nicht nur negative Seiten. So drückt der Ansturm auf deutsche Staatsanleihen, die als Hort der Sicherheit gelten, die Zinslast des Staates, aber auch die Kosten für Bau- und Praxisdarlehen.

Von Jürgen Lutz

Angst vor Euro-Pleitegeier hat auch Positives

Die Angst vor Griechenlands Pleite können Häuslebauer nutzen, um an günstige Immobilienkredite zu kommen.

© Häßler / fotolia.com

Die Schuldenkrise Griechenlands und anderer südeuropäischer Länder zeigt, dass die Europäische Zentralbank (EZB) im Notfall eher den Vorgaben der Politik folgt, als auf ihrer Unabhängigkeit zu beharren. Der Versuch, die betreffenden Länder mit einem Rettungsschirm vor dem finanziellen Kollaps zu bewahren, ließ nicht nur den Euro abstürzen. Er drückte auch die Renditen für deutsche Staatspapiere, denn die Anleger suchen ihr Heil in den Schuldverschreibungen des Landes, das den Ruf hat, am solidesten zu wirtschaften.

Darüber freut sich der Fiskus hierzulande - wenn auch nur verhalten, um nicht den Ärger von Griechenland, Spanien und Co heraufzubeschwören. Denn der deutsche Staat muss für seine neuen Schulden nun weniger Zinsen zahlen. Nach Berechnungen der Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" platzierte die Deutsche Finanzagentur seit September 2009 mehr als 120 Milliarden Euro am Kapitalmarkt. Seitdem sanken die Renditen staatlicher Schuldpapiere um etwa einen halben Prozentpunkt - das ergibt nach Angaben des "Handelsblatts" einen Zinsvorteil von 600 Millionen Euro im Jahr.

Doch die Krise erleichtert nicht nur Finanzminister Schäuble das Leben. Auch wer jetzt eine (Praxis-) Immobilie finanzieren will oder eine Anschlussfinanzierung zu verhandeln hat, profitiert von der Nachfrage nach sicheren Papieren wie Schuldverschreibungen des Bundes und deutschen Pfandbriefen. Denn dies lässt auch die Zinsen für Immobilienkredite sinken: So bewegen sich die Zinsen für fünfjährige Baudarlehen nach Angaben der FMH-Finanzberatung im Schnitt bei 2,92 Prozent. "Für ein Zehn-Jahres-Darlehen werden 3,68 Prozent und für 15 Jahre aktuell durchschnittlich 4,12 Prozent fällig", sagt FMH-Inhaber Max Herbst. Verschärft sich die Krise, könnte es noch ein Stück tiefer gehen.

Doch Experten warnen davor, das allzu sehr auszureizen. Denn nicht nur Angebot und Nachfrage beeinflussen die langfristigen Zinsen. "Auch Inflationserwartungen und Bonitätsbeurteilungen spielen eine Rolle", sagt Uwe Schindler, Vorstand der unabhängigen KSW Vermögensverwaltung in Nürnberg. Dabei gilt: Je höher die antizipierte Teuerung und je schlechter die Kreditwürdigkeit der Emittenten, desto höhere Zinsen verlangen die Gläubiger.

Nach Schindlers Auffassung ist Inflation derzeit zwar kein Thema. Doch das könnte sich ändern, denn steigende Rohstoffpreise und eine schwächere Währung böten gute Voraussetzungen, um Inflation zu importieren.

Auch die Bonität der Eurokernländer werde derzeit als gut beurteilt, könnte sich im Rahmen milliardenschwerer Bürgschaften und Hilfspakete allerdings deutlich verschlechtern. Nicht zuletzt wird der wachsende Kapitalbedarf das Angebot von Staatsanleihen anschwellen lassen, was ab einem gewissen Punkt nur durch höhere Zinsen kompensiert werden kann.

Schindler rät Immobilienkäufern daher, die aktuellen, günstigen Konditionen möglichst lange festzuschreiben - zumal nicht nur die oben genannten Faktoren die Zinsen steigen lassen könnten. Druck dürfte auch von den Margen der Banken kommen. Darin ist nicht nur der Gewinn enthalten, sondern auch die Risikokalkulation und die Kapitalkosten der Geldhäuser.

Beides könnte nach Schindlers Einschätzung steigen. "Die Kapitalkosten werden wegen der nicht aufzuhaltenden Verschärfung der Regulierung steigen", so der Vermögensverwalter. Und auch die Risikokosten dürften angesichts der nun auch in Europa auftretenden Krise der Gewerbeimmobilien neu berechnet werden.

Fazit: Wer jetzt als Anleger in eine Wohnimmobilie oder das Praxisgebäude investieren möchte beziehungsweise mit einer Zinsanpassung befasst ist, sollte die Finanzierung möglichst lange festschreiben.

Auf diese Weise sichern sich Häuslebauer und Kapitalanleger nicht nur ein historisches Zinstief, sondern auch die Chance auf einen weiteren "windfall profit": Kommt es am Ende noch zu einer Inflationierung, profitieren Kreditnehmer auch noch von der zu erwartenden Entwertung ihrer Schulden.

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