Ärzte Zeitung, 19.07.2010

Anlagen-Kolumne

Antizyklisches Handeln heißt mehr, als das Gegenteil zu tun

Um erfolgreich zu investieren, müssen Anleger mehrgleisig vorgehen. Die Orientierung an einem einzigen Indikator verspricht nichts Gutes. Flexibles Agieren ist gefragt.

Von Jens Ehrhardt

Mit der FMM-Methodik - einer Kombination aus fundamentalen, monetären und markttechnischen Indikatoren - konnten Anleger in den vergangenen Jahrzehnten gute Ergebnisse erwirtschaften.

Es gibt zwar immer wieder Börsenphasen, in denen einzelne Indikatoren gut funktionieren. In der langfristigen Betrachtung kommt man jedoch nicht an einer mehrdimensionalen Herangehensweise vorbei. Wichtig ist dabei, dass es sich nicht um ein starres Indikatorengebilde handeln darf. Vielmehr gilt es, die Börseneinflussfaktoren ständig zu überdenken und weiterzuentwickeln.

Der Bereich der fundamentalen Börseneinflussfaktoren war zuletzt nur begrenzt aussagekräftig, da er so stark gestört war wie nie zuvor in der Wirtschaftsgeschichte. Das BillionenDollar-Konjunkturprogramm hat vorübergehend zu künstlichen Wirtschaftserholungen geführt.

Auch die monetären Faktoren sind zu überdenken. Die extrem expansive Geldpolitik der Notenbanken war der Hauptmotor der zurückliegenden Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten. Nachdem die Notenbanken ihre Volkswirtschaften lange mit extremen Geldmengen fluteten, könnten die klassischen monetären Indikatoren - Geldmengen und Zinssätze - allerdings an Aussagekraft verlieren.

Genauso wie jede Medikation bei zu hoher Dosierung an Wirkung verliert oder sogar schaden kann, ist heute der Erfolg weiterer monetärer Maßnahmen keinesfalls gewiss. Auf der anderen Seite ist die Geldversorgung heute so gut, dass nicht unbedingt Schaden entstehen muss, wenn weniger Liquidität zur Verfügung steht. Sehr viel aussagekräftiger ist inzwischen das Kreditvergabevolumen der Geschäftsbanken.

Wesentliche Markttechnik-Indikatoren zielen darauf ab, Kauf- und Verkaufssignale aus Stimmungsbildern an den Börsen herzuleiten. Extremer Pessimismus deutet aus antizyklischer Sicht darauf hin, dass nur geringe Teile der vorhandenen Mittel in Aktien investiert sind. Eine solche Stimmungslage erhöht die Chance auf positive Überraschungen, also Kurssteigerungen.

Phasen von übertriebenem Optimismus hingegen führen fast zwangsläufig zu negativen Überraschungen. Während bis vor einigen Jahren kaum jemand diese Indikatorengruppe beachtete, versuchen inzwischen viele Anleger, aus antizyklischem Handeln Kapital zu schlagen.

Antizyklisches Handeln kann aber nicht funktionieren, wenn zu viele Marktteilnehmer die gleiche Idee haben. Insofern kommt es drauf an, immer wieder neue antizyklische Indikatoren zu entwickeln, die die Masse der Anleger nicht im Blick hat.

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