Ärzte Zeitung online, 14.10.2010

Börsen im Aufwind - Strohfeuer oder Dauerbrenner?

An den Weltbörsen geht es rasant aufwärts, die Krise scheint abgehakt. Die wachsende Wirtschaft in vielen Ländern und solide Unternehmenszahlen sorgen für Euphorie. Börsianer aber wissen: Die Kursrallye kann sich auch schnell wieder umkehren.

Von Jörn Bender

FRANKFURT/MAIN. Frankfurt, New York, Tokio - die Weltbörsen kennen derzeit nur eine Richtung: aufwärts. Der Absturz nach dem Lehman-Crash im Herbst 2008 scheint in den Handelssälen Geschichte. Der Deutsche Aktienindex Dax hat sich deutlich über der 6000-Punkte-Marke stabilisiert. Grund für die Euphorie: Die Wirtschaft in vielen Ländern brummt, Unternehmen erfreuen die Märkte mit guten Quartalszahlen. Analysten wie Börsianer rechnen damit, dass die Kursrallye noch eine Weile anhalten wird - Rückschläge werden allerdings nicht ausbleiben.

Aktien sind derzeit unterbewertet

"Der Ausbruch nach oben ist dringend geboten: Aktien sind im Verhältnis zu anderen Anlageklassen unterbewertet", meint Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank. Papiere der Deutschen Bank etwa notierten in diesem Jahr meist zwischen 40 und 50 Euro - im Frühjahr 2007 standen sie noch bei über 100 Euro. Beim Autokonzern Daimler konnten sich Anleger zeitweise für weniger als 18 Euro einkaufen, vom Höchststand der Aktie bei fast 78 Euro ist das Papier mit Werten unter 50 Euro derzeit noch ein gutes Stück entfernt.

"70 Prozent der Weltwirtschaft steht auf sehr stabilen Füßen, das ist das Pfund, das auch für die Aktienmärkte entscheidend sein muss", sagt Hellmeyer. Weltweit füllen Unternehmen nach der Wirtschaftskrise ihre Lager wieder auf und holen aufgeschobene Investitionen nach, wovon Exportnationen wie Deutschland profitieren. Der Aufschwung versetzt zunehmend auch Privatleute in Kauflaune.

Analysten sehen den Dax Ende des Jahres bei 7000

Das treibt auch die Kurse - nicht nur in Deutschland. "Die Aktienmärkte haben sich in den vergangenen zwölf Monaten weltweit sehr positiv entwickelt", bilanzierte der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) am Donnerstag und rechnete vor: Aktienfonds mit Anlageschwerpunkt Deutschland legten im Schnitt um 8,8 Prozent zu (per Stichtag 30. September 2010). Überraschend gute Quartalszahlen und die andauernde Dollar-Schwäche trieben die US-Börsen am Mittwoch auf ein Fünfmonatshoch.

Den Dax sieht Hellmeyer Ende dieses Jahres bei 7000 Punkten. "Für 2011 halte ich es für realistisch, dass die bisherigen Höchststände des Dax überschritten werden." Seinen Rekordstand erreichte der Index der 30 gewichtigsten börsennotierten deutschen Unternehmen am 16. Juli 2007: Das Börsenbarometer kletterte auf 8151,57 Punkte und erreichte am selben Tag seinen bisher höchsten Schlussstand mit 8105,69 Zählern.

Die Sorge um Rückschläge ist noch groß

"Ich bin nicht so blauäugig zu glauben, dass es jetzt nur noch nach oben geht", kommentiert Börsianer Fidel Helmer von der Privatbank Hauck & Aufhäuser die aktuelle Entwicklung. "Nach einer rasanten Rallye nach oben wird es auch sehr schnell wieder Kursverluste geben. Anleger sind in der Krise noch wachsamer geworden: Sie sind schneller bereit, Gewinne mitzunehmen."

Den derzeitigen Aufwärtstrend erklärt Helmer, der 40 Jahre Erfahrung an der Frankfurter Börse mitbringt, auch damit, dass viele von der Krise gebeutelte Anleger auf der Suche nach soliden Sachwerten nun in deutsche Aktien investierten, die derzeit relativ preiswert sind. "Zusätzlich stabilisiert werden die Märkte durch das viele Geld, das die Zentralbanken nahezu zum Nullzins zur Verfügung stellen", meint Helmer.

Doch die Finanz- und Wirtschaftskrise hallt nach und die Sorge um neue Rückschläge ist groß: Die US-Wirtschaft schwächelt bereits wieder, viele Euro-Länder ächzen unter gigantischen Schuldenbergen. "Wenn Meldungen kommen wie die, dass die USA vor einer erneuten Rezession stünden, drückt das natürlich auf die Kurse, ganz egal wie gut wir selber dastehen", sagte Hauck & Aufhäuser-Experte Helmer.

Der Mannheimer Ökonom Martin Weber sieht das kurzfristige Geschehen an den Börsen grundsätzlich skeptisch: "Von Nachhaltigkeit kann keine Rede sein. Der heutige Kurs ist genauso zufällig wie der morgige." (dpa)

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