Ärzte Zeitung online, 23.12.2010

Zwischenfinanzierung per Pfandhaus? Immer mehr Selbstständige nutzen das

BERLIN (dpa) . Boom plus sinkende Arbeitslosigkeit - miese Zeiten für Pfandleiher? Weit gefehlt, sagt der Zentralverband des Deutschen Pfandkreditgewerbes. Über eine Million Kunden ließen in diesem Jahr Uhren, Schmuckstücke, Tafelsilber oder andere Wertgegenstände beleihen, wie Verbandsgeschäftsführer Wolfgang Schedl sagte.

Übertroffen habe man auch die Vorjahreszahl von zwei Millionen Kreditverträgen. Rund 550 Millionen Euro an Darlehen räumten die Pfandleiher ihren Kunden ein, das waren zwischen 3 und 3,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Was sowohl Kreditnehmern wie Pfandleihern in die Hände spielte, war der kräftig gestiegene Goldpreis: Das Edelmetall verteuerte sich im Laufe des Jahres um rund 30 Prozent. "Folglich konnten Goldschmuck oder Münzen deutlich höher beliehen werden", sagt Schedl. Der Wert des durchschnittlichen Pfands liegt laut Branchenverband bei rund 320 Euro: "Die Spanne reicht vom alten Handy für fünf oder zehn Euro bis hin zu Juwelen, die Zehntausende wert sein können." Auch Auto-Pfandleihhäuser liegen im Trend.

Mit einigen Klischees möchte die Branche aufräumen: So sei der typische Pfandhaus-Kunde nicht der arme Schlucker, der sich nach und nach von allen Erbstücken und schließlich von seiner Armbanduhr trenne. "Mehr als 90 Prozent der Wertgegenstände werden von ihren Besitzern wieder ausgelöst", betont Schedl. Die Vermutung, dass nur der ins Pfandhaus gehe, der absolut nichts mehr habe und nichts mehr verdiene, könne also nicht richtig sein.

Abgesehen von den "oberen Zehntausend" kämen Kunden aus allen Bevölkerungsschichten: "Meine Frau hat in ihrem Pfandhaus einen Zahnarzt als Kunden, der dann und wann seine Münzsammlung bringt, mit 20 000 Euro wieder geht und seine Sammlung ein paar Wochen später wieder auslöst."

Auch mittelständische Unternehmer greifen nach Schedls Worten zum Pfandkredit: "Etwa, weil sie eine Zwischenfinanzierung brauchen, also Lieferanten-Rechnungen bezahlen müssen, während sie selbst noch auf ihr Geld warten." Wer dann die eigene Rolex oder das Perlencollier der Ehefrau beleihen lasse, komme unter Umständen schneller auf die benötigte Summe und müsse sein Geschäft nicht mit einem Bankkredit belasten.

Der wesentliche Unterschied zum Bankkredit: Der Pfandleiher darf sich ausschließlich aus dem Pfand bedienen, eine persönliche Haftung des Schuldners ist ausgeschlossen. Geld fließt schneller als bei einer Bank - vorausgesetzt, der Kunde legt entsprechend wertvolle Gegenstände auf den Tisch. Schufa-Auskunft oder Einkommensnachweis spielen keine Rolle. Der Nachteil eines Pfandkredits: In bar bekommt der Kunde nur einen Teil des Zeitwerts seines Pfands. Kann er es nicht auslösen und wird das Pfand dann für kleines Geld versteigert, macht er einen schlechten Schnitt.

"Pfandkredite sind nur eine kurzfristige Lösung", sagt deshalb Claudia Kurzbuch von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung in Kassel. "Sie sind nur die allerletzte Wahl, wenn gar nichts anderes mehr geht." Denn lösen ließen sich Schuldenprobleme mit einem Pfandkredit nicht - allenfalls kurz überbrücken. Kurzbuch warnt auch davor, Gegenstände gedankenlos im Pfandhaus beleihen zu lassen: "Wer etwas bringt, was noch nicht abbezahlt ist, macht sich strafbar."

Wird ein Pfand nicht ausgelöst, geht es nach vier Monaten in die Versteigerung - so verlangt es das Gesetz. Wertsachen unter den Hammer zu bringen sei aber nicht das Ziel eines Pfandleihers, betont Wolfgang Schedl: "Denn von einer Versteigerung hat ein Pfandleiher nichts, nur Aufwand und Risiko: Wird er ein Pfand nicht oder nur mit Mindererlös los, hat er ein Verlustgeschäft. Erzielt er einen Mehrerlös, hat der Kunde zwei Jahre Zeit, sich den Mehrerlös abzuholen. Holt er ihn nicht, wird das Geld an den Staat abgeführt."

Gesetzlich festgeschrieben ist der Zins, den der Pfandleiher nehmen darf: Höchstens ein Prozent pro Monat, so steht es in der Pfandleiherverordnung von 1961. Hinzu kommen Gebühren, die bis zu einem Darlehensbetrag von 300 Euro ebenfalls festgeschrieben sind: Bei einem Darlehen von 30 Euro fallen pro Monat 2 Euro Gebühren an, bei 300 Euro 6,50 Euro. Bei wertvolleren Gegenständen wird verhandelt.

Ein Pfandleiher-Vergleich kann sich deshalb lohnen - auch wegen extremer Unterschiede bei der Darlehenssumme: Für eine Omega-Uhr mit einem Sammlerwert von etwa 800 Euro beispielsweise gab es bei einem Test der Verbraucherzentrale NRW in zwei Leihhäusern nicht mehr als 80 Euro, während ein anderes Pfandhaus 400 Euro auszahlte.

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