Ärzte Zeitung online, 28.12.2010

Mannheimer Literaturwissenschaftler will deutsche Schulden tilgen helfen

MANNHEIM (dpa). Der deutsche Staat steht mit rund 1,7 Billionen Euro in der Kreide. Eine private Initiative hat sich nun ein hoch gestecktes Ziel gesetzt: Sie will diesen immensen Schuldenberg abbauen. "Hurra, wir tilgen", heißt sie und wurde gegründet vom Mannheimer Professor Jochen Hörisch und dem Basler Wirtschaftsforscher Alexander Dill. Innerhalb der ersten Woche gingen rund 15 000 Euro auf dem Sperrkonto ein. Im Gespräch mit dpa erklärt Hörisch das Kalkül.

Laut Hörisch sorgen "30 Prozent der Deutschen für 90 Prozent des Steueraufkommens. Wir wenden uns mit unserer Aktion ganz bewusst an dieses obere Drittel der Gesellschaft - also Menschen, die in superreichen Verhältnissen leben, ab 100 Millionen Euro aufwärts." Dieses Klientel müsste nur 20 Prozent seines Vermögens abgeben, rechnet der Germanistik-Professor vor. Dafür müsste keiner von ihnen seinen Lebensstandard senken. "Denn ob man nun 100 oder 80 Millionen hat, macht keinen großen Unterschied. Und es gibt in Deutschland bereits eine sehr gute Spenden- und Mäzen-Kultur. Oder denken Sie an Bill Gates und Warren Buffett in den USA, die Millionen ihres Geldes in Stiftungen eingebracht haben. Die Idee ist also gar nicht so exotisch, wie man denkt", ergänzt Hörisch.

Nach eigener Einschätzung bleibt es sicher utopisch, mit dieser Aktion die Bundesrepublik Deutschland zu entschulden. Hörisch: "Keiner wird ernsthaft behaupten, dass wir diesen Schuldenberg alleine tilgen können. Es sind immerhin rund 1,7 Billionen Euro. Das wird man natürlich nicht hinkriegen - es sei denn, es kommt so eine Art Wettstreit in Gang und die Leute wollen sich wechselseitig überbieten. Ich bin ein unverbesserlicher Optimist."

Realistischere Erfolgschancen auf eine Entschuldung sieht Hörisch auf kommunaler Ebene: "Bei Städten und Gemeinden könnte es sehr gut funktionieren. Viele Kommunen haben nur 2000 bis 3000 Euro Schulden pro Einwohner. Das ginge sehr schnell, wenn sich die wohlhabenden Leute entsprechend verhalten würden. Und wenn das klappt könnte der Funke auf den Bund überspringen."

Seine eigene Motivation beschreibt Hörisch wie folgt: "Ich habe die Grundüberzeugung, dass wir selbst der Staat sind - nicht wie viele Menschen, die sich ständig darüber beschweren, dass die Politiker ihnen nur in die Tasche greifen. Durch die Überschuldung des Staates stehen lebenswichtige Leistungen auf dem Spiel, etwa Transferzahlungen oder Pensionen für Beamte. Der Staat hätte auch erheblich mehr Spielraum für Steuersenkungen. Allein der Bund muss momentan für seine Schulden jährlich 50 Milliarden Euro Zinsen zahlen. Man macht sich letztlich selbst ein Geschenk, wenn man die Schulden abbaut, man spart also für die eigene Tasche. Ich habe 10 000 Euro getilgt, und damit lebe ich nicht schlechter."

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