Ärzte Zeitung, 01.02.2011

Schweiz

Ärztliches Arbeiten ohne "sinnlosen Regelwahnsinn"

Bis 2016 geht die Hälfte der Hausärzte in der Schweiz in Pension. Auch in Kliniken werden Ärzte gesucht. Das ist eine Option für Ärzte aus Deutschland, die sich umorientieren wollen. Die Erfahrungen, die Kollegen vorher gemacht haben, sind überwiegend positiv.

Von Sabine Schiner

Ärztliches Arbeiten ohne "sinnlosen Regelwahnsinn"

Natur pur: Nicht nur das Matterhorn zieht naturliebende Ärzte in die Schweiz.

© Simon/fotolia.com

BERN. In der Schweiz arbeiten derzeit so viele ausländische Ärzte wie noch nie. Die meisten kommen aus Deutschland. Das Leben in der Schweiz hat viele Vorteile: Die Lebensqualität ist hoch, die Landschaft ist schön, das Gehalt meist deutlich höher. "Gerade für junge Ärzte ist die Schweiz ein attraktiver Ort", sagt etwa Dr. Daniel Ketteler. Der 32 Jahre alte Arzt lebt seit viereinhalb Jahren in Zürich - und würde den Schritt jederzeit wieder tun.

Gleiche Arbeitszeit, aber bessere Freizeitoptionen

"Die Arbeitszeiten sind sicher mit deutschen Häusern vergleichbar, aber die Arbeitsbedingungen und das Freizeitangebot scheinen mir sehr verlockend", so Ketteler.

Insgesamt haben, nach einer Statistik der Schweizer Medizinalberufekommission in Bern, im vergangenen Jahr knapp 2000 Ärzte und Apotheker aus dem Ausland ihr Diplom bei der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) anerkennen lassen. Das sind knapp 20 Prozent mehr als im Vorjahr. 45 Prozent der bewilligten Zulassungen stammen von deutschen, je zwölf Prozent von französischen und italienischen Ärzten und Apothekern.

Ketteler gefällt es in der Schweiz aus vielerlei Gründen: "Natur, Freizeit, Nachtleben, Kulturangebot. Das alles findet sich in Zürich verdichtet", erzählt er. Die Schweiz sei pluralistisch und offen.

Allerdings gebe es durch den massiven Zuzug, gerade von Deutschen, in den vergangenen Jahren einige Ressentiments. Diese sind aus seiner Sicht nicht immer einfach zu ertragen, teilweise seien sie aber auch verständlich.

Ein richtiger Schweiz-Fan ist der Facharzt für Innere Medizin und Angiologie Dr. Christoph Thalhammer. Er ist leitender Arzt am Universitätsspital Zürich - und bereut es nicht, in die Schweiz gegangen zu sein. Er mag die Schweizer und kann sich nicht vorstellen, jemals wieder an einem deutschen Krankenhaus zu arbeiten.

Über das Verhältnis von Schweizern und Deutschen sagt er: "Ich glaube, als Deutscher in der Schweiz sollte man zurückhaltend, höflich, interessiert, bescheiden, engagiert sein, wie überall auf der Welt, dann wird man - wie auch ich - in der Schweiz herzlich empfangen und respektiert. Wir hatten zum Beispiel beim Einzug in unser Häuschen eine Flasche Prosecco im Kühlschrank sowie frisches Holz für den Kamin."

Auf die Frage, was junge Ärzte über die Schweizer Mentalität wissen müssen, wenn sie dort arbeiten wollen, sagt Hanriet Tamazian von Federer und Partner, einer Unternehmensberatung in Dottikon, die sich auf das Gesundheitswesen spezialisiert hat: "Die Schweizer sind eher liberal denkend, Kompromiss- und Konsens-orientiert, und sie sind kein Freund von sinnlosem Regelwahnsinn - wer diese Tugenden übernimmt, wird Erfolg haben."

Gesucht seien vor allem Ärzte, die sich niederlassen wollen. Nach einem Bericht des Schweizerischen Bundesrates reicht die Zahl von 600 bis 700 Ärzten, die jedes Jahr in der Schweiz ihr Diplom in Humanmedizin machen, nicht aus, um den Bedarf zu decken.

Vor allem in ländlichen Gebieten wird es immer schwerer, einen Nachfolger für die Hausarzt-Praxen zu finden. Nach einer Studie der Universität Basel wird bis zum Jahr 2016 die Hälfte der Hausärzte in Pension gehen.

Seminarangebot hilft, sich in Strukturen einzufinden

Auch in diesem Jahr wird die Ärztegewerkschaft Marburger Bund deshalb wieder zusammen mit der Medizinerberatungsstelle ACADEMIX Consult Seminare zum Thema Praxiseröffnung und Praxisübernahme für deutsche Ärzte in der Schweiz anbieten.

Die Interessenten werden sechs Stunden lang über die gesetzlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen aufgeklärt und bekommen Tipps für die Suche nach der eigenen Praxis (www.praxsuisse.ch).

Tipps für den Alltag samt seiner sprachlichen Tücken gibt der Informatiker Jens-Rainer Wiese seit mehr als zehn Jahren in seinem Blog. Unter www.blogwiese.ch bereitet der Neu-Schweizer auf das beeindruckende Sturmgeläut der Kirchenglocken morgens um sechs Uhr früh vor und verrät, dass er vor allem Pommesbuden und Eisdielen in der Schweiz vermisst.

In dem Blog sind auch seine Lieblingswörter aufgelistet: So sagen die Schweizer beispielsweise Stöppler zu Trampern und Nachtesse zu Abendbrot. Ein Fleischteller ist nichts anderes als ein Teller mit Wurstaufschnitt und ein Kaffee Complet beinhaltet Milch und Zucker.

Wieses Tipp für Deutsche in der Schweiz: Geduldig sein. Die sprachlichen Feinheiten des hochalemannischen Dialektes könne man lernen, doch es brauche eben Zeit: Wieses Erfahrung: "Man verschweizert nur langsam."

Artikel zum Thema "Arbeiten in der Schweiz":
Ärztliches Arbeiten ohne "sinnlosen Regelwahnsinn"
Steuern und Abgaben variieren von Kanton zu Kanton
Hohe Nettolöhne machen hohe Eigenheimpreise wett

[04.02.2011, 17:37:49]
Jan Gregor Steenberg 
Nicht alles was glänzt ist Gold
Nicht alles was glänzt ist Gold.

Der Artikel von Frau Schiner und auch die Ausführungen von Herrn Haimann in seinem Artikel über die Steuern und die Abgaben in der Schweiz sind grundsätzlich zutreffend.
Ich möchte aber, als jemand der selber sowohl in Deutschland, als auch seit über 10 Jahren in Schweizer Krankenhäusern tätig ist, noch ein paar Gedanken hinzufügen.
Ich persönlich stand einige Male vor der Entscheidung, ob ich meinen Wohnsitz in die Schweiz verlegen solle. Als Rechtsanwalt ist dies steuerlich nur bedingt sinnvoll, hat aber teilweise auch gewisse Reize.
Für mich persönlich haben die Vorzüge eines G-Ausweises(Grenzgänger) überwogen. Spielt man jedoch mit dem Gedanken gänzlich in die Schweiz zu "zügeln", so gibt es neben Ihren Ausführungen noch einige andere Aspekte zu beachten.
Zum einen ist man wirklich "Ausländer" und man befindet sich im "Nicht-EU-Ausland", was einen die Schweizer teilweise auch spüren lassen. Die Werbung der SVP tut dazu ihr übriges. Dies ist nun nicht direkt negativ, es ist eben die Schweiz und dies ist einer der Hauptgründe, warum einige meiner Mandanten nach einem mehr oder weniger langen Aufenthalt den Weg zurück nach Deutschland gesucht haben.
Was ebenfalls nicht zu vergessen ist sind teilweise deutlich höhere Kosten. Dies beginnt bei den regulären Lebenshaltungskosten und zieht sich aber insb. bei Versicherungen etc. durch, so dass mit Sicherheit am Ende des Jahres mehr netto vom brutto zu verzeichnen ist, sich dies aber nicht unbedingt ganz so überschwänglich darstellt, wie sich dies viele erhoffen.

Eines der wohl ausschlaggebenden Argumente um in die Schweiz zu wechseln ist mit Sicherheit das deutlich angenehmere Arbeitsklima. Hierarchien sind in der stationären Versorgung nicht so ausgeprägt, wie wir dies von Deutschland kennen. Gänzlich anders ist dagegen die Versorgung im niedergelassenen Bereich zu werten. Hier weist die Qualität meines Erachtens große Unterschiede auf. Wo es in Deutschland nicht vorstellbar ist, dass ein Patient bei einem Hausbesuch und der Verdachtsdiagnose CVI oder ACS, alleine daheim zurückgelassen wird, so ist dies in der Schweiz durchaus häufig feststellbar. Rein juristisch betrachtet könnte man in Deutschland bereits an diverse Verfahren gegen entsprechende Ärzte denken, in der Schweiz ist dies dagegen kaum vorstellbar (insbesondere nicht in den ländlicheren Regionen). Der Arzt hat in der Schweiz noch einen deutlich höheren Sozialstatus, als er ihn in Deutschland genießt, so dass auch Klagen gegen Ärzte eher selten sind (zumindest im Vergleich zu Deutschland).

Die soll nun weder eine positive noch eine negative Stellungnahme gegenüber dem Wechsel in die Schweiz darstellen. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass viele Gründe für einen Wechsel sprechen, aber auch die Argumentation der Rückkehrer nachvollziehbar ist und insoweit es auch in der Schweiz Probleme gibt, welche bei uns kaum ein Problem darstellen würden. Und eben auch bei der Netto-Brutto-Rechnung darf man so einige Punkte nicht gänzlich außen vor lassen.

Ich persönlich fahre gerne in die Schweiz und bin dort auch gerne für „meine“ Spitalregion tätig. Ich möchte in soweit meine Reisen in die Schweiz nicht missen. Ich kann aber nur jedem Interessierten raten, sich den Schritt gut zu überlegen und insbesondere auch eine fundierte Beratung in Anspruch zu nehmen, zumal die Schweiz eine deutlich intensivere „hire-and-fire“ Mentalität aufweist (was weder negativ, noch positiv zu bewerten ist, aber eben dringend beachtet werden sollte und sich auch im Arbeitsrecht und den Arbeitsverträgen widerspiegelt).

Es grüßt freundlich

Jan Gregor Steenberg LL.M. (Medizinrecht)
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