Ärzte Zeitung, 28.02.2011

Börsen reagieren sensibel auf Krise in Libyen

Die libyenweiten Aufstände gegen den exzentrischen Staatschef Muammar al-Gaddafi sorgen für Unruhen an den Börsen - auch in Deutschland. Im Fokus steht die Entwicklung des Ölpreises. Anleger können aus der Krise aber auch langfristig Vorteile im Depot ziehen.

Von Richard Haimann

Börsen reagieren sensibel auf Krise in Libyen

Nicht nur der libysche Staatschef, auch Investoren verfolgen gespannt die Aufstände wie hier in der Hafenstadt Tobruk.

© dpa

FRANKFURT/MAIN. Anleger müssen sich auf weitere Kursverluste an den Börsen einstellen. Die andauernden Unruhen in Nordafrika und dem Nahen Osten werden nach Meinung von Analysten in dieser Woche weiter auf den Aktienmärkten lasten.

"Der Rohölpreis hat vergangene Woche den höchsten Stand seit 30 Monaten erreicht", stellt Ole S. Hansen, Rohstoffexperte der Saxo-Bank fest. Die Sorgen vor einem Ausfall der Lieferungen aus Libyen trieben den Preis der Nordsee-Sorte Brent um fast zehn Prozent auf 119,79 US-Dollar (86,80 Euro) pro 159-Liter-Fass (Barrel).

Das Land lieferte bislang täglich 216,2 Millionen Liter Öl nach Europa. Dies könne die Erholung der Weltwirtschaft von den Folgen der Finanzkrise nachhaltig dämpfen.

Steigender Ölpreis kann Weltkonjunktur bremsen

Nach Berechnungen von Analysten der Investmentbank J.P. Morgan verringert ein nachhaltiger Anstieg des Ölpreises um zehn Prozent das Wachstum der Weltkonjunktur um 0,25 Prozent.

Deshalb gaben die Kurse vieler Aktien deutlich nach, als sich nach den Tunesiern und Ägyptern auch die Libyer gegen ihren Diktator Muammar al-Gaddafi erhoben.

Zu den größten Verlierern zählten die konjunktursensiblen Autowerte und Papiere von Fluggesellschaften. "Anleger fürchten, dass Unternehmensgewinne durch den Anstieg des Ölpreises einbrechen werden", sagte ein Frankfurter Aktienhändler.

Pharmaaktien gelten derzeit als sicherer Hafen

Der Preis für das schwarze Gold dürfte noch sehr viel stärker in die Höhe schießen und spiegelbildlich die Aktienkurse weiter in den Keller treiben - wenn sich die Unruhen auf die arabische Halbinsel ausweiten sollten.

"Produktionsausfälle in Libyen können Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate durch eigene freie Kapazitäten auffangen", sagt Hansen. Hingegen könnte keine andere Fördernation in die Bresche springen, wenn die beiden Öl-Giganten ihre Produktion wegen innerer Unruhen ebenfalls drosseln müssten.

Anleger sollten deshalb derzeit allenfalls "selektiv Aktien kaufen und dabei Papiere aus defensiven Branchen wie Pharma und Telekommunikation bevorzugen", rät Arnim E. Kogge, Leiter Privatkundengeschäft beim Bankhaus Ellwanger & Geiger. Auch in wirtschaftlichen Abschwungphasen würden weiterhin Medikamente benötigt und Telefongespräche geführt.

Vorsichtige Anleger sollten einen Teil ihres Geldes in deutsche Staatsanleihen stecken, rät David Scammell, Leiter Zinsstrategie beim Vermögensverwalter Schroders.

Papiere mit zehnjähriger Laufzeit werfen zwar nur noch eine Jahresrendite von 3,15 Prozent ab, weil Profiinvestoren wie Versicherungen massiv in Bundesanleihen geflüchtet sind.

Das trieb deren Kurse in die Höhe und ihre Renditen spiegelbildlich in den Keller. Dafür müssten Anleger aber - anders als bei griechischen Papieren - keinen Zahlungsausfall befürchten.

Andere Experten empfehlen hingegen, abzuwarten, bis die Aktienkurse noch weiter gefallen sind - und dann in Aktien kräftig zu investieren.

"Politische Krisen bringen die Börsen meist nur kurzfristig unter Druck und erweisen sich als Kaufgelegenheiten", sagt Dieter Thomaschowski, Geschäftsführer des Analysehauses Investment Research in Change. Sobald sich neue Regierungen in den Staaten Nordafrikas gebildet hätten, werde der Ölpreis sinken, und die Börsen würden wieder anziehen.

Exportorientierte deutsche Unternehmen profitieren

Auch Andreas Rees, Chefvolkswirt der UniCredit, meint, dass die gegenwärtige Krise das Wachstum der Weltwirtschaft nicht nachhaltig beeinträchtigt. Vor allem in Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas werde sich die Konjunktur schnell erholen.

"Einer der größten Profiteure werden Export orientierte, deutsche Unternehmen sein", rät Rees mittelfristig zum Kauf von Aktien wie BASF, BMW, Daimler, Linde und Siemens.

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