Ärzte Zeitung online, 05.08.2011

"Handelswoche des Grauens": Erneut kräftige Verluste an den Börsen

FRANKFURT/MAIN (dpa). Die anhaltenden Konjunktur- und Schuldensorgen haben dem Dax einen der größten Wochenverluste in seiner über zwanzigjährigen Geschichte eingebrockt.

Am Freitag reichten selbst überraschend gute Daten vom US-Arbeitsmarkt nur für ein kurzes Strohfeuer an den Märkten. Der deutsche Leitindex Dax schloss 2,78 Prozent schwächer bei 6236,16 Punkten und damit immerhin über seinem Auftakttief bei 6152,62 Punkten, wo er den niedrigsten Stand seit Anfang Oktober 2010 markiert hatte.

Auf Wochensicht brach das Börsenbarometer indes um knapp 13 Prozent ein. Der MDax sank am Freitag um 0,98 Prozent auf 9135,22 Punkte, der TecDax verlor 0,91 Prozent auf 717,76 Punkte.

In Europa sah das Bild nicht besser aus: Der EuroStoxx 50 büßte 1,54 Prozent auf 2375,15 Punkte ein. Damit weitete der Leitindex der Eurozone seine Verlustserie auf mittlerweile zehn Tage aus und schloss so schwach wie seit über zwei Jahren nicht mehr.

Dow verliert den zehnten Tag in Folge

Ähnlich deutlich fielen die Abschläge der nationalen Aktienindizes in Paris und London aus. In New York zeigte sich der Dow Jones zum europäischen Handelsschluss ebenfalls schwach. Das weltweit wichtigste Börsenbarometer steuert damit auf den zehnten Verlusttag der vergangenen elf Tage zu.

Eine "Handelswoche des Grauens" sah Analyst Gregor Kuhn von IG Markets. "Wohl selten haben Anleger das Wochenende so herbei gesehnt wie am heutigen Freitag." Nachdem die US-Wirtschaft anscheinend zum Stillstand gekommen sei, könne ein Abgleiten in die Rezession unmittelbar bevorstehen.

Der Schuldenkompromiss verschaffe der weltgrößte Volkswirtschaft zwar Zeit, trage aber nichts zur Problemlösung bei, da die Sparmaßnahmen "kaum als Konjunkturspritze dienen dürften".

Dazu kämen die Europäer nicht aus ihrer Schuldenkrise heraus. Volkswirte sahen dagegen keine sachliche Begründung für derart drastische Verluste.

Händler Andreas Lipkow von der Wertpapierhandelsbank MWB Fairtrade kritisierte, dass die Politik "durch ihre teilweise unüberlegten Aussagen eine maßgebliche Mitschuld an den Kursverlusten hat, ob es nun um das Thema Italien, USA oder die Aufstockung des europäischen Rettungsfonds geht".

Marktexperten hoffen auf Erholung

Dennoch hoffen Marktexperten in der kommenden Woche auf eine Erholung. Die Quartalszahlen der Unternehmen dürften ebenso wie die ohnehin spärlichen Konjunkturdaten in den Hintergrund treten.

Daher sollten zumindest kurzfristig orientierte Anleger an den Markt zurückkehren, denn der "ist extrem überverkauft", sagte Marktstratege Christian Stocker von der Bank Unicredit.

Auf mittlere Sicht bleibt Stocker aber vorsichtig: "Die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Rückschlages ist extrem hoch, da bis Mitte/Ende September einige wichtige EU-Entscheidungen anstehen."

Die Anteilsscheine der Allianz verloren am Freitag nach schwächer als erwartet ausgefallenen Quartalszahlen 4,50 Prozent auf 79,10 Euro. Die griechische Schuldenkrise hatte bei Europas größtem Versicherer im zweiten Quartal überraschend stark auf den Gewinn gedrückt.

Commerzbank gehörte zu den wenigen Gewinnern

Zu den Aktien, die den Weg ins Plus schafften, gehörten die des Dax-Spitzenreiters Commerzbank mit einem Aufschlag von 3,64 Prozent auf 2,249 Euro.

Dass die EU tags zuvor eine vertiefte Prüfung der Fusionspläne von Deutscher Börse und NYSE Euronext angekündigt hatte, war keine Überraschung.

Auch die kommenden Dienstag außerplanmäßig anstehende Anpassung des Streubesitzanteils der Aktie im Dax kommt nicht unerwartet, nachdem zahlreiche weitere Aktionäre ihre Aktien alter Gattung für die Fusion zum Umtausch in Deutsche-Börse-Aktien neuer Gattung angedient hatten. Die Aktie des deutschen Börsenbetreibers sank dennoch am Dax-Ende um 5,30 Prozent auf 43,895 Euro.

Die überraschend vorgelegten Halbjahreszahlen des Mobilfunkanbieters Drillisch wurden von den Anlegern mit Enttäuschung aufgenommen. Der Umsatz war stärker als befürchtet zurückgegangen, die Aktien büßten im TecDax 9,04 Prozent auf 7,100 Euro ein.

Euro steigt gegenüber dem Dollar

Nach enttäuschenden Zahlen des US-Wettbewerbers First Solar und einem gesenkten Gewinnausblick zeigten sich zudem die Aktien deutscher Solarunternehmen extrem schwach.

Am Rentenmarkt sank die durchschnittliche Rendite der börsennotierten Bundeswertpapiere deutlich auf 2,11 (Vortag: 2,23) Prozent. Der Rentenindex Rex gewann 0,05 Prozent auf 127,02 Punkte. Der Bund Future verlor 0,18 Prozent auf 132,55 Punkte.

Der Kurs des Euro stieg auf 1,4157 US-Dollar. Zuvor hatte die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzkurs auf 1,4155 (Donnerstag: 1,4229) Dollar festgesetzt und der Dollar damit 0,7065 (0,7028) Euro gekostet.

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