Ärzte Zeitung, 14.12.2011

Interview

Zusatzrente? Da sollten Ärzte genau abwägen

Auch für Ärzte wird die zusätzliche Altersvorsorge immer wichtiger. Doch wie gelingt diese ohne Wertverlust? Niels Nauhauser, Referent für Altersvorsorge bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, verrät im Interview, worauf es ankommt.

Zusatzrente? Da sollten Ärzte genau abwägen

Niels Nauhauser, Referent für Altersvorsorge, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

© privat

Ärzte Zeitung: Herr Nauhauser, wie sorgen Sie für Ihr Alter vor?

Niels Nauhauser: Vor allem, indem ich sicherstelle, dass nicht der Löwenteil der möglichen Erträge der Geldanlagen durch Kosten aufgefressen wird.

Also mit günstigen, einfachen Produkten. Und da ich auch auf eine gute Diversifikation über verschiedene Anlageklassen achte, fühle ich mich damit sehr wohl.

Ärzte Zeitung: Das Schreckgespenst der "Vorsorgelücke" geistert schon seit Jahren durch die Finanzwelt. Oft zeigen Beispielrechnungen die horrende Abweichung zwischen dem gewünschten und dem tatsächlichen monatlich verfügbaren Geldbetrag im Alter auf. Wie verlässlich sind solche Vorsorgeberechnungen?

Nauhauser: Solche Berechnungen dienen vor allem dem Vertrieb von Finanzprodukten. Sie sollen einen Bedarf sichtbar machen. Je höher dieser Bedarf ist, desto mehr Produkte können verkauft werden.

Solche Berechnungen sind aber ohne eine Reihe von Annahmen nicht möglich: Wie hoch sind Renditen an den Kapitalmärkten ab Vertragsbeginn bis Vertragsende? Wie entwickeln sich die Preise in diesem Zeitraum? Wie entwickeln sich die Steuersätze oder die Beitragssätze für die Sozialversicherung? Welchen Konsumbedarf hat man im Alter und sind dabei zusätzliche Ausgaben, etwa für Gesundheitsextras, zu erwarten? Was hätte ein Finanzberater wohl vor 40 Jahren hierzu seinen Kunden mitgeteilt, 1971?

Es liegt auf der Hand, dass bei so langen Zeiträumen Welten liegen zwischen Annahmen und Realität. Übrigens gibt es durchaus auch Fälle, bei denen die Notwendigkeit von Altersvorsorgeverträgen gar nicht vorhanden ist.

Ärzte Zeitung: Innerhalb der ersten Altersvorsorgeschicht gilt die Rürup-Rente als sinnvolle Basisvorsorge für Selbständige. Sie fußt auf der Idee einer Steuerrückerstattung, weshalb hohe individuelle Steuersätze grundsätzlich eine hohe Förderung bringen. Ist die Rürup-Rente aus Ihrer Sicht zwingender Bestandteil der Altersvorsorge für Selbstständige?

Nauhauser: Die Rürup-Rente hat mehr Haken als eine professionelle Angelschnur. Die viel zitierten Steuervorteile sollte man von seinem Steuerberater bewerten lassen, nicht von einem Finanzberater.

Dabei ist wichtig, auch die steuerpflichtige Rentenbezugsphase einzubeziehen. Selbständige, die nur geringe Einkünfte haben, profitieren natürlich kaum von den Steuervorteilen. Bei der Rürup-Rente gibt man jede Option unwiderruflich auf, das Geld auch für andere Zwecke als für eine lebenslange Rente zu verwenden, das Korsett ist ähnlich starr wie bei der gesetzlichen Rente.

Im Todesfall ist das Kapital nicht vererbbar. Anleger sind unwiderruflich dem Kapitalanlageerfolg eines Anbieters ausgesetzt, und das über Jahrzehnte. Schließlich kalkulieren die Versicherer die Rente sehr vorsichtig, also mit einer hohen Lebenserwartung. Aus unserer Beratungserfahrung zur Altersvorsorge weiß ich, dass andere Produkte oft besser zum Bedarf passen als die Rürup-Rente.

Ärzte Zeitung: Wie hoch fallen Ihrer Erfahrung nach die Steuervorteile für Ärzte aus einer Rürup-Rente aus?

Nauhauser: Die viel zitierten Steuervorteile sind im Einzelfall zwar durchaus vorhanden. Wenn man sie einkalkuliert, dann aber bitte auch unter Beachtung der Steuernachteile in der Rentenphase. Rechnet man aus, wie hoch das Plus an Rendite aufgrund dieser Förderung ist, kommt man je nach Steuersatz auf eine zusätzliche Rendite von rund einem Prozentpunkt.

Oder anders gesprochen: Privates Sparen kann den Effekt leicht ausgleichen, wenn man dort geringere Kosten hat oder bessere Konditionen bekommt, was oft möglich ist. Finanzvermittler können oder wollen das in der Regel selbst so genau nicht ausrechnen und Steuerberater stoßen da auch schnell an ihre Grenzen, weil sie Finanzprodukte nicht bewerten können.

Ärzte Zeitung: Obwohl das so ist, legen Finanzberater den Selbstständigen die Rürup-Rente häufig ans Herz!

Nauhauser: Gerade Ärzte können aber vermutlich gut nachempfinden, in welcher Rolle Finanzberater stecken. Wie würden Ärzte handeln, wenn sie nicht einen Cent von Krankenkassen oder Kunden verlangen können, sondern ihr Einkommen ausschließlich über die Vermittlung von Produkten der Pharmaindustrie erzielen?

Stellen Sie sich vor, ein Arzt nimmt sich für eine sorgfältige Diagnose drei Stunden Zeit und das Ergebnis ist, der Patient ist gesund. Dann kann man ihm kein Pharmaprodukt vermitteln und geht damit leer aus.

Oder, anderer Fall, man weiß der Patient braucht ein bestimmtes Medikament, das in seinem Fall am besten wirkt, aber der Hersteller vergütet es dem Arzt miserabel, während ein anderer Hersteller Top Margen bietet für das drittbeste Mittelchen.

Niemand würde wohl zu solchen Ärzten gehen und kein Arzt, der es gewohnt ist, seine Patienten gut zu beraten, würde akzeptieren, unter solchen Bedingungen zu arbeiten. Die Finanzberatung hierzulande ist aber schon immer genau so organisiert. Die meisten Finanzvermittler haben noch nie wirklich im Kundeninteresse beraten. Da muss man sich nicht wundern, dass das Ergebnis ein einziges Desaster ist.

Ärzte Zeitung: Die dritte Schicht der Altersvorsorge umfasst alle Produkte, die privat bespart werden, aber keine staatliche Förderung genießen. Welcher Anlageform sollten Anleger die oberste Priorität einräumen?

Nauhauser: Oberste Priorität hat die Streuung der Risiken auf verschiedene Anlageklassen, vor allem auf Aktien und Zinspapiere sowie Immobilien und - in kleinen Dosen - Edelmetalle. Auch innerhalb dieser Anlageklassen sollte man auf gute Streuung sowie günstige Kosten achten - bei Aktien also mit Aktienfonds und bei Immobilien mit mehreren Immobilienfonds.

Bei Zinspapieren ist es einfacher: Im Rahmen der Einlagensicherung von 100.000 Euro kann man auf die aktuellen Angebote von Kreditinstituten zurückgreifen. Und die Edelmetallen Gold und Silber bieten einen gewissen Schutz gegen Unwägbarkeiten wie Staatspleiten und Geldentwertung.

Ärzte Zeitung: Die Renditen von Fondsprodukten der Vergangenheit sind selten ein sicherer Indikator für die künftige Performance. Wann lohnt sich der Abschluss eines Fondssparplans?

Nauhauser: "Selten" ist hier der falsche Begriff. Vergangene Renditen sind komplett irrelevant. Dasselbe gilt für Ranglisten und Fondsbewertungen von Ratingagenturen oder Testzeitschriften. Wer die Risiken von Aktienfonds tragen kann und möchte, fährt am besten, indem er einen oder mehrere viel günstigere Indexfonds regelmäßig bespart.

Als Basis dafür eignen sich zum Bespiel marktbreite Indices wie der MSCI World und Stoxx Europe 600. Ideal ist eine weltweite Streuung. Und wichtig: Hin und her macht Taschen leer.

Ärzte Zeitung: Die eigene Immobilie gilt oft als guter Baustein der eigenen Altersvorsorge. Spätestens mit Rentenbeginn muss aber oft kräftig in die Erneuerung oder in den altersgerechten Umbau investiert werden. Sind die eigenen vier Wände fürs Rentenalter tatsächlich der Weisheit letzter Schluss?

Nauhauser: Viele haben den Wunsch nach einem Eigenheim. Da ist die Frage der Lebensqualität oft entscheidend, nicht die der Flexibilität oder Rendite. Betrachtet man nur die Rendite, sollte man vom Eigenheim als Altersvorsorge eher die Finger lassen.

Der kreditfinanzierte Kauf birgt enorme Risiken bis hin zum Totalverlust des Eigenkapitals. Historische Zahlen zur Wertentwicklung von Immobilien legen eher den Schluss nahe, dass der Mieter günstiger dran ist. Dazu kommt, dass nach unseren Beobachtungen die Finanzierungsberatungen in 71 Prozent der Fälle mangelhaft sind.

Ärzte Zeitung: Gold gilt als sicherer Hafen. Die Nachfrage nach dem gelben Metall und darauf basierenden Finanzprodukten boomt. Ist Gold also das richtige Vorsorgeprodukt fürs Alter?

Nauhauser: Nein. Gold zählt zu den Spekulationswerten. Hier bestehen kurzfristig erhebliche Wertschwankungsrisiken. Und selbst auf 20 Jahre besteht noch ein Risiko, dass Gold an Kaufkraft verliert. Laufende Erträge sind hier nicht möglich. Im Rahmen einer breiten Streuung über die verschiedenen Anlageklassen kann es durchaus sinnvoll sein, einen Teilbetrag des Vermögens in Gold anzulegen.

Die Fragen stellte Kathrin Meyer.

Vorbereitung auf den längsten Urlaub des Lebens

Zusatzrente? Da sollten Ärzte genau abwägen

Die demografische Entwicklung führt dazu, dass sich immer mehr Menschen Sorgen um ihre Finanzen im im Alter machen. Liegt genug auf der hohen Kante für den Ruhestand? Reichen die Altersbezüge aus dem Versorgungswerk aus? Zunehmend gilt: Wer seinen Lebensstandard auch im Alter erhalten will, sollte privat vorsorgen.

Der Wirtschaftsinformationsdienst Platow, der wie die Ärzte Zeitung zur Springer Science and Business Media Gruppe gehört, zeigt in seinem neuen Platow Special Geldanlage, was bei der Altersvorsorge zu beachten ist.

Altersvorsorge 2012 - Vorbereitung für den längsten Urlaub des Lebens. Platow Special Geldanlage, 24 Seiten, 37 Euro inkl. MwSt. und Versandkosten. Die Studie kann bestellt werden bei info@platow.de oder per Fax an 069/23 69 09.

[20.12.2011, 12:50:19]
Hauke Gerlof 
Die Höherversicherung über Versorgungswerke als Alternative
Zu dem Interview erreichte uns ein Leserbrief der Geschätsführung der Arbeitsgemeinschaft Berufsständischer Versorgungswerke (ABV), den wir im Folgenden in Auszügen veröffentlichen.
Hauke Gerlof, Ressortleiter Wirtschaft, Ärzte Zeitung

Interview mit Niels Nauhauser in Ausgabe 226, 14.12.2011, Wirtschaft und Praxisfüh-rung

Den Gedanken, das Thema Altersvorsorge in der "Ärzte Zeitung" mit diesem Interview wieder in den Vordergrund zu rücken, begrüßen wir ausdrücklich. Auch die Wahl des Interviewpartners halten wir für gelungen, mit den Aussagen von Herrn Nauhauser gehen wir konform. Der Zeitpunkt ist auch deshalb gut gewählt, weil gerade wieder Anlageberater unterwegs sind, die Ärzte mit windigen Berechnungen auf große Versorgungslücken hinweisen wollen, um Anlageprodukte zu verkaufen.

Vermisst haben wir in dem Interview nur eines: einen Hinweis auf die Möglichkeit der Höherversicherung im ärztlichen Versorgungswerk. Sie dürfte für viele Ärzte eine bedenkenswerte Alternative sein, die zu der im Titel des Beitrags geforderten genauen Abwägung unbedingt dazu gehört hätte. Sie bietet den Vorteil, neben der eigenen Altersvorsorge auch die der möglichen Hinterbliebenen sowie die eigene Berufsunfähigkeits-Vorsorge zu stärken. Auch die von Herrn Nauhauser zu Recht angemahnte Risikodiversifikation bei der Anlage ist im Versorgungswerk durch die strenge Regulierung der Anlagepolitik durch die Versicherungsaufsichtsbehörden der Länder automatisch mitgegeben.
Gewinn- oder Provisionserzielungsabsichten haben die Versorgungswerke auch nicht. Dass es Ärzte gibt, die bei der zusätzlichen Altersvorsorge andere Prioritäten setzen, steht dem nicht entgegen: die Höherversicherung ist ein Angebot der Versorgungswerke an ihre Mitglieder. Wie wir meinen: eines, dass man erst einmal kennen sollte, um eine bewusste Entscheidung dafür oder dagegen treffen zu können.

Freundliche Grüße
Michael Jung, Stefan Strunk
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[14.12.2011, 23:23:15]
Rudolf Egeler 
Zusatzversicherung fürt Ärzte
In den 1980-und -90iger-Jahren haben sehr viele sogenannte Experten vor der berufsständigen Ärzteversorgung geradezu gewarnt(allerhöchstens den Pflichtbeitrag einzahlen, Rest anderweitig vorsorgen).Leider sind diesen Auguren viele gefolgt. Ich kann aus eigener Erfahrung nur dazu raten,wenn irgend möglich, die Möglichkeit der freiwilligen Mehrzahlung(bis zum per- sönlichen Höchstbetrag) auszuschöpfen und daneben andere sichere Anlagen zu tätigen ( gute Immobilien, keine geschlossenen Fonds,Vorsicht vor LV u. privaten RV, ausgesuchte Aktienfonds berücksichtigen u.a.m.). Mein Rat: Lieber Honorarberater als Banken-oder Versicherungs-abhängige heran- ziehen. zum Beitrag »

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