Ärzte Zeitung, 25.02.2012

Ist Griechenland wirklich schon gerettet?

Die Banken haben sich nach langem Ringen auf einen Schuldenschnitt für Griechenland eingelassen. Doch: Ziehen auch die Hedge-Fonds mit? So mancher Vertreter macht erst bei einer Staatspleite so richtig Profit.

Von Daniel Schnettler

Ist Griechenland wirklich schon gerettet?

Sanfte Landung für Hellas und die Privatinvestoren?

© Carsten Reisinger/Panthermedia

Das Schicksal Griechenlands könnte in einem schmucken Ort im US-Bundesstaat Connecticut entschieden werden.

Greenwich vor den Toren New Yorks gilt als heimliche Hauptstadt der Hedge-Fonds, jener undurchsichtigen Finanzspekulanten, die überall dort ihre Finger im Spiel haben, wo satte Profite locken.

Das Geschäftsmodell von Hedge-Fonds ist einfach: Geld machen, und das zügellos. Anders als Banken unterliegen sie nur einer geringen Kontrolle. Sie können waghalsigere Wetten eingehen und müssen sich kaum erklären.

Zudem ist die Branche sehr zersplittert. Das macht es schwierig, den Überblick zu behalten, zumal niemand in der Branche bereit ist, öffentlich seine Strategien auszubreiten. Denn Verschwiegenheit gehört zum Geschäft.

Als sicher gilt soviel: Eine ganze Reihe von Hedge-Fonds halten Staatsanleihen von Griechenland. Sie sind damit vom Schuldenschnitt betroffen, bei dem die Banken, Versicherungen und eben Fonds auf 107 Milliarden Euro verzichten sollen.

Der Geschäftsführer des internationalen Bankenverbands IIF, Charles Dallara, sprach von einer "fairen Abmachung für alle Seiten".

Der IIF hatte den Kompromiss in nächtlichen Sitzungen mit Europas Politikern ausgehandelt. Der Schuldenschnitt ist allerdings freiwillig. "Die einzelnen Investoren müssen entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen", erklärte Dallara.

Bei den Banken und Versicherungen gilt eine Zustimmung als sicher - sie haben ihre griechischen Staatsanleihen sowieso schon großenteils abgeschrieben.

Kreditausfallversicherungen als Spekulationsobjekte

Anders Hedge-Fonds, von denen einige regelrecht auf eine Staatspleite wetteten. Manche haben ganz bewusst investiert, als schon klar war, dass Griechenland seine Schulden niemals komplett zurückzahlen kann.

Kommt es zur Pleite, im Fachjargon "Zahlungsausfall" oder "Default", dann werden Kreditausfallversicherungen fällig, Credit Default Swaps (CDS). Eigentlich sind CDS dazu gedacht, Investoren bei der Pleite eines Schuldners den Verlust zu ersetzen.

CDS sind jedoch zu einem Spekulationsobjekt geworden, was die Sache gefährlich macht. Niemand weiß genau, wer welche CDS in welchem Umfang besitzt und welche Kettenreaktion im Finanzsystem deshalb ein Zahlungsausfall Griechenlands auslösen würde.

CDS waren einer der Gründe, warum die Finanzkrise des Jahres 2008 so dramatische Ausmaße angenommen hatte. Wegen solcher Papiere geriet der riesige US-Versicherer AIG ins Schlingern und musste vom Staat gerettet werden.

Vor diesem Hintergrund haben sich Europas Staats- und Regierungschefs ausdrücklich um einen "freiwilligen" Schuldenschnitt für Griechenland bemüht. Denn solange der Verzicht nicht erzwungen wird, dürften die CDS auch nicht fällig werden.

"Man bekommt niemals alle Gläubiger dazu, einer Restrukturierung zuzustimmen", sagte Hedge-Fonds-Manager Hans Humes dem Fernsehsender "Bloomberg TV".

Es gebe aber keine Alternative, erklärte der Chef von Greylock Capital Management. "Es ist eine bittere Pille, die man schlucken muss." Humes hatte auf Seiten des Bankenverbands IIF den Schuldenschnitt mit verhandelt und rechnet mit einer breiten Zustimmung unter den Gläubigern.

Die Frage ist nur, ob auch die erforderlichen 95 Prozent beim Schuldenschnitt mitmachen. Sollten es weniger sein, würden die Gläubiger zu dem Schuldenschnitt gezwungen.

Bei so manchem Hedge-Fonds dürfte das auf massiven Widerstand stoßen. Es drohen Verluste vom ursprünglichen Wert der Anleihen von mehr als 70 Prozent. Schon war von Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte die Rede. Denn Eigentum gilt in Europa immerhin als Menschenrecht.

Diejenigen Hedge-Fonds, die ihre Anleihen abgesichert haben, könnten sich indes freuen. Denn ein zwangsweiser Schuldenschnitt dürfte als Auslöser für die CDS angesehen werden - mit unabsehbaren Folgen für die Finanzwelt, wie die "New York Times" aufschlüsselte.

"Manchmal wird eine Lawine durch einen Schneeball ausgelöst", sagte Walter Dolde von der University of Connecticut. (dpa)

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