Ärzte Zeitung, 16.09.2013

Quahl der Wahl

Lässt Regierungszyklus Anleger leiden?

Steht der Dax vor schweren Wochen? In Wahljahren geht dem Aktienmarkt im Herbst oft die Luft aus.

Von Jürgen Lutz

Lässt Regierungszyklus Anleger leiden?

Zyklen sind verlockend, aber das Gesamtbild ist für Anleger entscheidend, sind sich Finanzprofis einig.

© Eisenhans / fotolia.com

FRANKFURT/MAIN. Viele US-Anleger glauben fest daran: Der Präsidentschaftszyklus hat erheblichen Einfluss auf das Börsengeschehen. In Deutschland ist das Denken in politischen Zyklen kaum verbreitet.

Dennoch lassen sich auch hier Regelmäßigkeiten beobachten - und in diesem Jahr hält sich der Dax sehr genau an den statistischen Fahrplan, der sich aus bisher 14 Wahljahren seit 1959 ergibt.

Stellt sich die Frage: Wie sehen demnach die kommenden Monate aus - und was sollten Anleger tun?

Ein Bonmot besagt, dass politische Börsen kurze Beine haben. Das mag für Einzelentscheidungen zutreffen. Doch das Konzept des Regierungszyklus im Dax oder des Präsidentschaftszyklus im Dow Jones geht darüber hinaus.

Hier steht die Frage im Raum: Wie hat sich der Aktienmarkt etwa in Wahljahren und Nachwahljahren bislang verhalten? Weist er statistisch bedeutsame Kursmuster auf - und welche Konsequenzen für die Aktienanlage lassen sich daraus ziehen?

Wahljahre bis dato mit Minimalverlust

Auswertungen, die sich aus dem bis 1959 zurückberechneten Dax ergaben, zeigen, dass deutsche Anleger aus Wahljahren bislang wenig Honig saugen konnten, wie Thomas Müller in seinem Buch "Gewinnen mit Börsenzyklen" belegt hat.

Im Gegenteil: In den bisher 14 Wahljahren endeten Investments in den deutschen Aktienmarkt im Durchschnitt mit einem hauchdünnen Verlust von 0,3 Prozent. Zu einem Gewinn kam es in sechs Wahljahren, während Anleger in Verlustjahren mehrfach Abschläge über 20 Prozent hinnehmen mussten.

Ein Gutteil der "Schuld" für diese Abschläge geht auf das Konto der zehn Wochen zwischen Mitte August und Ende Oktober. In dieser Phase waren in Wahljahren die heftigsten Kurseinbrüche zu verzeichnen. Leicht beängstigend ist nun: In diesem Jahr hält sich der Dax sehr genau an den typischen Verlauf eines Wahljahres.

So hat der Aktienindex im März ein erstes Jahreshoch erreicht, das er im Mai überbot, um nach einem Rücksetzer im Juli einen erneuten Anlauf in Richtung des Mai-Hochs zu unternehmen. Sollte er sich weiter nach der Choreografie von Wahljahren entwickeln, droht Ungemach, dessen Vorbote die aktuellen Rücksetzer sein könnten.

Jürgen Schneider, Vorstand der Finum.Private Finance AG, hat solche historischen Kursmuster bei seinen Anlageentscheidungen durchaus im Blick. Darüber hinaus achtet der Finanzprofi aber auch auf andere Faktoren, denn der Wahlzyklus zeigt nach seiner Auffassung vor allem eine statistische Wahrscheinlichkeit an.

Sein Standpunkt: "Anleger sollten sich bei ihren Entscheidungen nie auf einzelne Indikatoren verlassen, sondern stets versuchen, das Gesamtbild zu erfassen."

Es könnte ungemütlich werden

Doch auch bei Betrachtung des Gesamtbildes kommt der Vermögensmanager zu dem Schluss, dass die nächsten Wochen an den Aktienmärkten "ungemütlich" werden könnten.

So sprächen unter anderem die Ankündigung der US-Notenbank, die Anleihekäufe zu reduzieren, wie auch der lange Anstieg des Aktienmarkts seit dem Einbruch im Spätsommer 2011 dafür, dass die Luft nach oben dünn wird.

Schneiders Fazit: "Aktienanleger sollten sich mit Käufen derzeit zurückhalten und erst nach einer solchen Korrektur einsteigen oder aufstocken."

Zurückhaltender als sonst ist man auch bei der unabhängigen Vermögensverwaltung Spiekermann & Co. - wenn auch aus etwas anderen Gründen. So hält der aktienorientierte Fonds "Spiekermann Co Strategie I" derzeit 14 Prozent an Liquidität.

Nach den Worten von Prokuristin Margarete Kordt liegt diese Quote deutlich über der Norm. Das Motiv für die bekennenden Value-Investoren: "Wir finden aktuell nur wenige Unternehmen, die deutlich weniger kosten, als sie wert sind", so Kordt.

Dividendentitel könnten sich lohnen

Dies dürfte sich in den Monaten nach der Wahl ändern, falls die Kurse an den Aktienmärkten nachgeben.

Für Anleger, die nach einer solchen Korrektur Aktien kaufen, könnte sich das lohnen: Gemäß dem Wahlzyklus sollten Dividendentitel in ein bis zwei Jahren ordentliche Kursgewinne verbuchen.

Ob es tatsächlich so kommt, ist natürlich nicht garantiert, sondern aus zyklischer Sicht nur wahrscheinlich.

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