Ärzte Zeitung, 07.07.2014

Zertifikate

Der Markt kommt nur schwer wieder in Gang

Nach der Lehman-Pleite gerieten strukturierte Finanzprodukte in Verruf. Die Zertifikate-Branche kämpft seitdem um ihre Glaubwürdigkeit.

Von Annika Graf

Der Markt kommt nur schwer wieder in Gang

Steigende Verkaufszahlen? Davon sind Zertifikate derzeit noch weit entfernt.

© Leonardo Franko / fotolia.com

STUTTGART. Gut fünf Jahre ist es her, da gingen Anleger nach der Lehman-Pleite auf die Straße. Oft waren es Rentner, die von ihren Banken Lehman-Zertifikate zum Kauf angeboten bekommen und am Ende teils Tausende Euro verloren hatten.

Nachdem die US-Investmentbank Pleite war, waren sie leer ausgegangen. Inzwischen hat sich der Markt verändert, Verbraucherschützer bleiben dennoch skeptisch.

Zertifikate gehören zu den sogenannten strukturierten Finanzprodukten: Es sind streng genommen Schuldverschreibungen, die aber von der Wertentwicklung eines anderen Wertpapiers oder Finanzkonstrukts wie Anleihen, Aktien oder Aktienindizes abhängen.

"Während Derivate zur Absicherung gegen Zins- und Währungsschwankungen dienen, sind Zertifikate im Wesentlichen eine Geldanlage", erklärt Martin Hellmich, Professor für Risikomanagement an der Frankfurt School of Finance. Gegenstand von Spekulanten seien Zertifikate deshalb selten: "Die eigentliche Spekulation spielt sich im Derivatemarkt ab", erklärt er.

Verbraucherschützer raten eher ab

Verbraucherschützer halten Zertifikate trotzdem nach wie vor für problematisch. "Ich rate davon ab, wenn das Ziel ist, Geld anzulegen", sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. "Ich muss als Anleger bereit sein, einen Verlust einzugehen." Für Privatanleger seien die Produkte ungeeignet.

Doch obwohl das Volumen der in Deutschland verkauften strukturierten Wertpapiere zuletzt mit rund 93 Milliarden Euro nicht weit über dem Tiefstand von 80 Milliarden Euro nach der Lehman-Pleite lag, ist man beim Deutschen Derivate Verband zuversichtlich, dass die Nachfrage wieder anzieht.

"Nach Lehman haben sich die Anleger zunächst mit dem Kauf aller Wertpapiere zurückgehalten", begründet Hartmut Knüppel, Geschäftsführender Vorstand des Verbands die Entwicklung. "Diese Verunsicherung hat inzwischen nachgelassen, hinzu kommen die derzeit extrem niedrigen Zinsen."

"Die Anleger setzen auf mehr Sicherheit, dieser Trend ist ungebrochen", stellt Knüppel fest. So sei der Anteil von Produkten mit 100 Prozent Kapitalschutz deutlich gestiegen, in dem Fall bekommt der Anleger am Ende mindestens seinen Einsatz zurück.

Die Regeln sind strenger geworden

Gleichzeitig hat sich nach Lehman-Pleite und Finanzkrise einiges getan: "Die Eigenkapitalanforderungen an die Emittenten, also die Banken, sind gestiegen", sagt Patrick Arora, Finanzmarktexperte beim Deutschen Bankenverband. "Damit sinkt das Risiko für einen Ausfall des Schuldners."

Die Anbieter müssen außerdem wie bei anderen Anlageprodukten seit 2010 Protokolle über den Beratungsprozess erstellen. "Durch die Beratungsprotokolle ist der Markt für die Anbieter juristisch schwieriger geworden, sie können einfacher haftbar gemacht werden", sagt Hellmich.

In den seit 2011 vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Produktinformationsblättern muss darüber hinaus verständlich aufgeklärt werden. Die Stiftung Warentest kritisierte zwar im vergangenen Jahr, die Infoblätter seien häufig verwirrend, oft fehle schon die Angabe der Risikoklasse.

Das Emittentenrisiko, das in den Produktinformationsblättern genannt wird, ist nach Einschätzung von Ralph Danielski, stellvertretender Geschäftsführer der Börse Stuttgart, die Schlüsselinformation, um Ausfälle wie nach der Lehman-Pleite zu verhindern. "Das Emittentenrisiko muss jeder verstehen", sagt Danielski.

An der Börse Stuttgart wird seit 15 Jahren mit verbrieften Derivaten gehandelt. Kurz vor der Lehman-Pleite habe es viele Kunden gegeben, bei denen "man sich nicht sicher war, ob sie verstehen, was sie da kaufen", sagt Danielski. Durch die Lehman-Pleite sei der Markt "erwachsen geworden".

Der Derivateverband bemüht sich weiter, die Produkte noch verständlicher zu machen. "Die Produkte sind einfacher und damit transparenter geworden", sagt auch Finanzmarkt-Experte Hellmich.

Ob sie deshalb für jedermann geeignet sind, zieht er in Zweifel: "Die Frage ist: Wenn man wenig Vorbildung in Sachen Finanzmärkte hat, kann man das durch Beratung aufwiegen?" (dpa)

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