Ärzte Zeitung, 02.02.2015

Börsen in Europa

Zünden Öl und Euro jetzt den Turbo?

Billiges Öl und schwacher Euro - beides könnte 2015 die Kurse an den europäischen Aktienbörsen höher steigen lassen. Insbesondere deutsche Titel eröffnen Anlegern Renditechancen.

Von Jürgen Lutz

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Ölbohrinsel im Meer: Neue Fördertechnologien drücken auf die Preise für das schwarze Gold.

© dpa

NEU-ISENBURG. Nach einem fulminanten 2013 sagten die meisten Auguren auch für 2014 ein tolles Aktienjahr voraus.

Doch mit Ausnahme der USA kletterten die weltweiten Börsenindizes im vergangenen Jahr nur sehr zögerlich; das Rennen machten vielmehr Staatsanleihen: Deutsche Papiere mit 30-jähriger Laufzeit etwa erzielten eine Gesamtrendite von sage und schreibe 34 Prozent, während der Deutschen Aktienindex (Dax) bescheidene vier Prozent zulegte.

Nun sind die Analysten vorsichtiger geworden: Dem Dax prophezeien sie "ein schwieriges Jahr" und im Schnitt einen Jahresendstand von knapp unter 10.000 Punkten, wie das "Handelsblatt" berichtete.

Gründe für diese Zurückhaltung gibt es genug: Zum einen die Konjunktur in der Euro-Zone, zum anderen der mögliche Austritt Griechenlands aus der Währungsgemeinschaft sowie Wahlen in Großbritannien und Spanien, bei denen eurokritische Parteien gute Chancen haben.

Hinzu kommt die schwelende Ukraine-Krise, die das Zeug hat, von einem Tag auf den anderen zu einem regionalen Krieg zu eskalieren.

"Riesige weltweite Steuersenkung"

Allerdings gibt es zwei gewichtige Faktoren, die viele Analysten wohl noch nicht hinreichend auf der Rechnung haben: der erhebliche Einbruch des Ölpreises um mehr als 60 Dollar sowie die deutliche Abwertung des Euro.

Beides zusammen könnte Konjunktur und Unternehmensgewinne in Europa deutlich stärker stimulieren als bislang angenommen.

"Der Preisrückgang beim Öl wirkt wie eine riesige weltweite Steuersenkung in den ölimportierenden Ländern. Das kurbelt den Konsum an und steigert zeitverzögert die Gewinne der meisten Unternehmen", sagt Wolfgang Köbler von der bankenunabhängigen KSW Vermögensverwaltung mit Sitz in Nürnberg.

Das Forschungsinstitut Oxford Economics geht davon aus, dass ein dauerhafter Rückgang beim Ölpreis um 20 US-Dollar die Wirtschaft der ölimportierenden Industrieländer um jeweils 0,4 Prozentpunkte wachsen lässt. Ähnlich argumentiert der Internationale Währungsfonds.

Bliebe der Ölpreis auf dem aktuellen Niveau, würde dies zu einem um 1,2 Prozentpunkte höheren Bruttoinlandsprodukt (BIP) führen. Schließlich haben die Menschen spürbar mehr Geld in der Tasche, das sie entweder für andere Waren oder Dienstleistungen ausgeben oder sparen.

Das gilt besonders für bevölkerungsreiche Schwellenländer wie Indien und China, in denen die jungen Mittelschichten noch hohen Konsumbedarf haben. Allerdings ist fraglich, wie dauerhaft der Preisrückgang um bislang fast 60 Prozent ist.

Uwe Zimmer von der Meridio Vermögensverwaltung in Köln geht davon aus, dass wie 2008 sehr viele Spekulanten am Markt sind, die auf fallende Preise setzen. "Wenn diese ihre Spekulationen glattstellen, ist mit starken Preisschwankungen zu rechnen", so Zimmers Meinung.

Gleichwohl sieht auch er, dass niedrigere Produktionskosten insbesondere die Gewinne der Konsumgüter- und der Chemieindustrie beflügeln könnten. Sein Fazit: "Je energieintensiver die Branche, desto deutlicher dürfte sich der Rückgang des Ölpreises im Gewinn bemerkbar machen."

Zu diesem für Ölimportländer positiven Szenario kommt mit dem deutlich geringeren Euro-Kurs ein zweiter potenzieller Gewinntreiber: Seit ihrem Hoch bei 1,40 US-Dollar im Mai 2014 hat die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar um fast 25 Cent nachgegeben - das entspricht einer Abwertung von über 15 Prozent.

"Das stärkt die Wettbewerbskraft von exportorientierten Unternehmen innerhalb der Euro-Zone - und damit insbesondere die Position jener Unternehmen, die Deutschland zum Exportweltmeister machen", so Wolfgang Köbler.

Export-Aktien haben Nase vorn

Dass bereits verstärkt Kapital in die zyklischen deutschen Aktien fließt, die bei anziehender Konjunktur besonders profitieren, belegt ein Blick auf den Dax und seinen kleineren "Indexbruder".

Der MDax, der die Kursentwicklung von 50 mittelgroßen Unternehmen abbildet, ist seit dem 1. Oktober 2014 um mehr als 13 Prozent gestiegen, der Dax indes "nur" um etwa neun Prozent.

Damit liegen beide Indizes weit vor dem Euro Stoxx 50, der die 50 größten Aktiengesellschaften der Euro-Zone abbildet und seither um nur knapp ein Prozent vorankam. Gut möglich daher, dass deutsche Aktien in den kommenden elf Monaten besser laufen, als viele bislang denken.

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