Ärzte Zeitung, 10.06.2015

Börse

Kauflaune der Konzerne macht Nischenanbieter interessant

Steigende Aktienkurse und extrem niedrige Zinsen machen es möglich: Immer mehr Unternehmen schlucken andere Firmen. Von diesem Übernahme- und Fusionsfieber können Anleger profitieren.

Von Jürgen Lutz

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Fusionen von Unternehmen haben Konjunktur – doch nicht immer passen alle Teile gut zusammen. TSUNG-LIN WU/fotolia.com

NEU-ISENBURG. Volle Kassen, eigene Aktie hoch bewertet, extrem niedrige Zinsen: Kein Wunder, dass viele Unternehmen auf der Suche nach attraktiven Anlagezielen für ihr Geld sind. Immer öfter geraten dabei andere Firmen ins Visier. So bietet der Ölkonzern Shell 65 Milliarden Euro für den britischen Gasversorger BG Group.

Der Logistiker FedEx will 4,4 Milliarden für TNT zahlen. Und der Generika-Anbieter Mylan hat Appetit auf Perrigo, steht aber selbst auf dem Speiseplan von Teva, dem Mutterkonzern von Ratiopharm.

Benjamin Betz von der Bayerische Vermögen AG geht davon aus, dass dies nicht die letzten Übernahmen sein werden: "Je länger ein Aufschwung an der Börse anhält, desto zahlreicher und größer werden die Fusionen und Käufe von Unternehmen", so der Vermögensverwalter.

Aktuell sei die Übernahmelust so stark ausgeprägt wie vor der Finanzkrise, was sich als Warnzeichen lesen lasse. Doch die Unternehmen verfügten über weit mehr Liquidität als etwa 2006. "Im Vergleich zu damals haben wir deutlich mehr Luft nach oben", folgert Betz.

Firmen haben aus Finanzkrise gelernt

In der Tat geht es vielen börsennotierten Unternehmen derzeit gut bis blendend: Das Geld der Kreditgeber ist dank allgemein sehr niedriger Zinsen günstig zu haben - "und die eigenen Gewinne sprudeln, weil viele Firmen nach der Finanzkrise ihre Profitabilität verbessert haben", erklärt Lothar Koch, Portfoliomanager bei GSAM + Spee Asset Management AG.

Da auch die Geschäfte angezogen haben, verdienen die Unternehmen gutes Geld - so verbuchten etwa die Dax-Konzerne 2014 so hohe Gewinne wie nie zuvor.

Aktiengesellschaften haben die Wahl: Sie können mit diesen Überschüssen entweder die Dividende erhöhen, eigene Aktien zurückkaufen oder investieren - in eigene Projekte oder indem sie fremde, meist kleinere Firmen übernehmen.

Interessant für Übernahmen und Fusionen sind vor allem Branchen, die mit ihren Produkten hohe Margen erwirtschaften und so einen spürbaren Beitrag zum eigenen Wachstum leisten können.

Pharma bleibt interessant

Insbesondere die Sparten Pharma/Biotechnologie und Chemie sind laut Koch einen genaueren Blick wert: "Organisches Wachstum ist bei Pharma-Unternehmen kaum möglich, wenn Patente auslaufen und die Produktpipeline nicht gut bestückt ist. Hier ist der Anreiz groß, das Know-how von Biotech-Firmen einzukaufen", so der Finanzexperte.

Fusionen könnte es auch im Energiesektor geben, wenn auch aus anderen Gründen. Durch den heftigen Einbruch beim Ölpreis arbeitet so manches Förderunternehmen unrentabel - geteilte Kosten würden hier Abhilfe schaffen.

Betz sieht vor allem in Europa Kaufkandidaten und amerikanische Unternehmen auf der Käuferseite. Sein Augenmerk liegt auf spezialisierten Weltmarktführern aus der zweiten Reihe und Nischenanbietern, wie sie etwa im MDax und SDax gelistet sind, während er bei den Branchen auf Pharma, Technologie, E-Commerce und Media/Entertainment setzt.

Seine Richtschnur: Spezialisierte Unternehmen mit attraktiver Bewertung und nicht zu großer Marktkapitalisierung sind potenzielle Kaufkandidaten.

Die Vergangenheit lehrt, dass nicht jede Übernahme oder Fusion wirtschaftlich sinnvoll ist. Doch wenn beide Unternehmen profitieren, wird sich das auch in den Aktienkursen niederschlagen. Royal Dutch Shell etwa konnte seit der Bekanntgabe trotz schlechten Marktumfelds zweistellig zulegen, der Kurs der BG Group explodierte um rund 50 Prozent.

Anlegern, die mit einem Teil ihres Geldes auf Übernahmen setzen, rät Koch zum Kauf eines Branchen-Indexfonds (ETF). Wer sich noch mehr zutraut, kann auf Einzelaktien setzen. Jedoch sollte man sich auf sehr gut aufgestellte Unternehmen beschränken.

Denn: "Wenn die Spekulation nicht aufgeht, liegen wenigstens Aktien im Depot, bei denen man auf Dauer ruhig schlafen kann", so Koch.

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