Ärzte Zeitung, 08.10.2015

Experten

Freundlicher Börsenherbst erwartet

Nach den massiven Korrekturen an den Börsen erwarten viele Experten, dass die Kurse bald wieder anziehen. Wird die Anlegerfantasie einmal mehr von der sprichwörtlichen Börsenweisheit beflügelt, im November wieder in Aktien zu investieren?

Von Richard Haimann

Freundlicher Börsenherbst erwartet

Ziehen die Kurse jetzt wieder an?

© violetkaipa / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Sell in May and go away, lautet eine alte Börsenweisheit. Jedes Jahr im Mai sollten Anleger danach ihre Aktien verkaufen und Gewinne einstreichen.

"Wer sich dieses Jahr daran gehalten hat, konnte seine Papiere quasi zu Höchstkursen verkaufen", sagt Andreas Görler, Stratege beim Berliner Anlageberater Pruschke und Kalm.

Der deutsche Leitindex Dax notierte damals bei fast 12.000 Punkten. Seither ging es kräftig abwärts. Bis zum Tiefpunkt im September hatte das Börsenbarometer seit seinem absoluten Hoch im April in der Spitze mehr als 24 Prozent verloren.

Damit erfüllte sich eine weitere Börsenweisheit: "Der berühmte Krisenmonat September hat auch dieses Jahr sein Bestes gegeben", sagt Caroline Sauer, Finanzplanerin beim Finanzdienstleister Finum.Private Finance in Fulda.

Langjährige Statistiken zeigen, dass es im neunten Monat besonders häufig zu Kursverlusten an den Börsen kommt. Das war auch dieses Jahr so: In der Spitze verlor der Dax im vergangenen Monat rund 1000 Punkte, ein Drittel des Gesamtverlusts im Jahresverlauf.

Anlageboom im Herbst?

Der Börsenspruch vom Verkauf im Mai geht aber weiter. Vollständig lautet er: Sell in May and go away, but remember to return no later than November - spätestens im November sollten Anleger danach wieder in Aktien einsteigen. Dafür gibt es einen guten Grund: "Zum Jahresende gibt es immer positive Effekte", sagt Görler.

In allen Industrienationen leisten Privatanleger dann - häufig steuerlich absetzbare - Sonderzahlungen in Lebens- und Rentenversicherungen oder Fondssparpläne. Assekuranzen, Altersvorsorgeeinrichtungen und Fondsgesellschaften legen dann einen Teil des frischen Kapitals sofort an der Börse an.

Das sorgt dafür, dass es in den letzten drei Monaten des Jahres an den Börsen meist wieder nach oben geht. Dies zeigt eine Auswertung des US-Leitindex Dow Jones über seine 117-jährige Geschichte hinweg durch den US-Finanznachrichtendienst MarketWatch.

Danach ist nicht nur der September im langjährigen Durchschnitt der Monat mit den höchsten prozentualen Verlusten. Der Zeitraum von Oktober bis Januar bildet auch die einzigen vier Monate im Jahr, in denen der Index im historischen Vergleich, die höchsten Kursgewinne erzielt.

Zwar müsse nicht auf "jeden schwachen September ein goldener Oktober folgen", sagt Tobias Koch, Portfoliomanager beim Regensburger Anlageberater Schicketanz Capital Advisors.

"Exogene Faktoren wie politische Konflikte, Entscheidungen der Notenbanken und schlechte Unternehmensmeldungen können dazu führen, dass es auch in den letzten Monaten des Jahres zu Turbulenzen an den Kapitalmärkten kommt."

Dennoch sieht auch Koch nach den heftigen Kursverlusten der vergangenen Monate jetzt eine gute Gelegenheit zum Einstieg. "Angesichts der niedrigen Zinsen und der guten Wirtschaftsentwicklung in Deutschland bieten Aktien nach der jüngsten Korrektur ein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis."

US-Konjunktur lahmt

Skeptischer ist Rolf Ehlhardt, Stratege bei der Mannheimer Vermögensberatung Independent Capital Management. "Jahresendrallyes wurden in der Vergangenheit häufig von positiven Wachstumsschätzungen für das kommende Jahr getrieben", sagt Ehlhardt.

Doch die jüngsten Konjunkturdaten aus den USA seien nur verhalten ausgefallen: "Dort sind die Lagerbestände gestiegen und die Auftragseingänge zurückgegangen."

Das könnte dazu führen, dass die Erholung an den Börsen zunächst nur schwach ausfällt. "Es wird einen freundlicheren Oktober an den Märkten geben", so Ehlhardt.

"Ob er aber ‚golden‘ wird, ist zweifelhaft."

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