Ärzte Zeitung, 29.02.2016

Geldanlage

Brexit-Ängste schicken Immobilienwerte auf Talfahrt

Die Angst vor einem Austritt Großbritanniens aus der EU macht sich auch in Kursstürzen bei britischen Immobilienaktien bemerkbar. Experten halten die Abschläge allerdings für übertrieben und wittern eine Kaufgelegenheit.

Von Richard Haimann

Brexit-Ängste schicken Immobilienwerte auf Talfahrt

Dunkle Wolken über der Londoner City - allerdings nicht, was die Nachfrage nach Gewerbeimmobilien betrifft.

© Andy Rain / dpa

NEU-ISENBURG. British Land minus 17,7 Prozent, Derwent London minus 18,2 Prozent, Redefine minus 19,7 Prozent: Aktien britischer Bestandshalter von Büroimmobilien haben in den vergangenen drei Monaten heftige Kurseinbrüche erfahren.

Während der Leitindex der Londoner Börse, der FTSE 100, im Zuge der jüngsten Kapitalmarktturbulenzen seit Ende November nur knapp sechs Prozent einbüßte, mussten die Betongoldpapiere zweistellige Verluste hinnehmen.

Der Grund ist die im Juni anstehende Volksabstimmung über den sogenannten "Brexit" - den Austritt des Vereinten Königreichs aus der Europäischen Union. Seit Umfragen zeigen, dass die EU-Gegner immer mehr Zulauf erhalten, geht es mit den britischen Immobilienwerten bergab.

"Aktionäre fürchten, dass bei einem Brexit internationale Konzerne und Banken Niederlassungen und Mitarbeiter aus Großbritannien auf den europäischen Kontinent verlagern werden, um weiterhin zollfreien Zutritt zu den Märkten innerhalb der EU zu haben", erläutert Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School in Bochum.

"Dies könnte schlimmstenfalls zu massiven Leerständen in den Londoner Bürotürmen führen und deren Marktwerte in den Keller schicken."

Leerstandsraten im Rekordtief

Genährt werden solche Befürchtungen durch Drohungen britischer Banken. "Ein Brexit würde signifikante Auswirkungen" auf die britische Finanzwirtschaft haben, warnte jüngst Stuart Gulliver, Vorstandschef des größten englischen Bankhauses HSBC. Jeder fünfte Arbeitsplatz im Investmentbanking könnte in diesem Fall nach Kontinentaleuropa verlagert werden. Experten halten diese Befürchtungen jedoch für übertrieben.

"Die Leerstandsraten am Londoner Büromarkt befinden sich aktuell auf dem 14-Jahres-Tief", sagt James Roberts, Chefökonom der Immobilienberatungsgesellschaft Knight Frank.

"Im begehrten Westend sind sogar nur 3,4 Prozent der Flächen unvermietet." Zugleich steige die Nachfrage nach Büroflächen weiter, weil Kommunikations-, Medien- und IT-Unternehmen kräftig wachsen und zusätzliche Räumlichkeiten benötigen würden.

Zudem sei es unwahrscheinlich, dass internationale Konzerne ihre Niederlassungen aus England auf den Kontinent verlagern würden, sagt Ed Stansfield, Chef-Immobilienökonom bei der Londoner Wirtschaftsforschungsgesellschaft Capital Economics.

"Der zollfreie Zugang zu den Märkten in anderen EU-Staaten ist nicht der wesentliche Grund, weshalb internationale Konzerne ihre europäischen Zentralen in Großbritannien angesiedelt haben." Was sie locken würde, sei vielmehr das solide Rechtssystem, die gute Infrastruktur des Landes und vor allem die gemeinsame englische Sprache, die es Vertretern von Unternehmen aus allen Teilen der Welt erlaube, gemeinsam zu kommunizieren.

Deshalb würde ein Brexit auch nicht die Leerstandsraten an den britischen Büromärkten in die Höhe schnellen lassen und zu einem Preisverfall der Liegenschaften führen, sagt Stansfield.

Kurse unter Bestandswerten

Dieser Ansicht sind auch etliche Analysten. Sie halten die Kurseinbrüche bei den Immobilienaktien für nicht gerechtfertigt und raten nun zum Einstieg.

"Die Kurse der Papiere sind bereits jetzt so stark gefallen, dass sie deutlich übertriebene Abschläge hinnehmen mussten", sagt Philippe Kaufmann, Leiter Globales Immobilienresearch bei der Credit Suisse.

Aktuell notierten die Branchenaktien mit einem Abschlag von stattlichen 22 Prozent auf den Nettovermögenswert der Immobilienportfolien der Unternehmen, rechnet Thomas Veraguth, Leiter Globale Immobilienstrategie der UBS, vor. "Das ist eindeutig übertrieben und wird sich deshalb schon bald in steigenden Aktienkursen niederschlagen."

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