Ärzte Zeitung, 06.12.2011

Hintergrund

Schlechte Noten für IGeL-Ärzte

Erstmalig hat eine Studie Privatleistungen und die Zahlungsmoral von Patienten unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist erschreckend: Die Quote der Nichtzahler wird immer höher. Auch die Ärzte müssen sich an die Nase fassen: Sie sind teilweise "irrational inkonsequent".

Von Dirk Schnack

Schlechte Noten für IGeL-Ärzte: Halbherzig und teilweise irrational inkonsequent

Wenn er wüsste, wie mit seinen Namensvettern umgegangen wird: Bei IGeL nehmen es viele Patienten und Ärzte nicht so genau.

© Sebastian Duda / fotolia.com

Bei der Abrechnung von Selbstzahlerleistungen sind Ärzte unsicher, halbherzig und zum Teil irrational inkonsequent: Dieses Urteil fällen die Autoren der Studie "Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit", die jährlich im Auftrag der Hamburger Stiftung Gesundheit erfolgt.

In diesem Jahr standen neben dem Praxismarketing und dem Einkommen der Ärzte Privatleistungen und die Zahlungsmoral der Patienten im Fokus.

Die Ergebnisse lassen aufhorchen: Rund die Hälfte aller Ärzte berichten von Zahlungsausfällen bei Selbstzahlerleistungen. Nur 1,8 Prozent der Ärzte kennen keine Zahlungsausfälle, bei weiteren 39,1 Prozent kommt dies nur sehr selten vor.

Ausfallquoten sind höher als in anderen Lebensbereichen

48,6 Prozent dagegen berichten, dass Zahlungsausfälle bei ein bis fünf Prozent aller Patienten aus dem Segment der Privat- und Selbstzahler vorkommen. Weitere 10,5 Prozent berichten, dass Zahlungsausfälle sogar bei mehr als fünf Prozent der Patienten vorkommen.

Diese Quote ist im Vergleich zu anderen Lebensbereichen hoch. "Dies lässt den Rückschluss zu, dass die Mentalität ,Gesundheit darf nichts kosten‘ in Teilen der Bevölkerung noch immer vorhanden ist und eine Behandlung beim Arzt noch nicht durchweg als zu bezahlende Leistung akzeptiert wird", interpretieren die Studienautoren von der Gesellschaft für Gesundheitsmarktanalyse (GGMA) diese Zahlen.

Das Volumen der Zahlungsausfälle ist im Verhältnis zum Gesamterlös einer Praxis eher gering, verglichen mit dem Volumen der Selbstzahlerleistungen, aber ernst zu nehmen. Immerhin 5,5 Prozent der Ärzte verzeichnen Zahlungsausfälle von über 5000 Euro im Jahr, ein weiteres Viertel der Ärzte zwischen 1000 und 5000 Euro.

Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt, dass dieses Problem eher zunimmt. Nur sieben Prozent der Ärzte berichten, dass Zahlungsausfälle abnehmen, 30 Prozent dagegen beobachten eine steigende Tendenz.

Die Schriftform gibt es nur selten

Die gute Nachricht der GGMA: Das Problem ist mit wenigen organisatorischen Veränderungen zu lösen. Dazu aber müssten Ärzte ihre Einstellung ändern.

Denn zwei Drittel von ihnen wünscht sich zwar ein Instrument, mit dem sie potenziell schlechte Zahler früh erkennen könnten, aber nicht einmal ein Drittel der Ärzte sei bereit, für eine Problemlösung - etwa durch ein Factoring - ein Prozent der jährlichen Rechnungssumme zu investieren.

Zur schlechten Zahlungsmoral trägt wohl auch bei, dass immer noch viele Ärzte bei individuellen Gesundheitsleistungen auf schriftliche Vereinbarungen verzichten.

Die IGeL-Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen (WIdO) hat ergeben, dass 2010 in 54,4 Prozent aller Fälle IGeL ohne schriftliche Vereinbarung und in 14,5 Prozent ohne Rechnungsstellung erbracht worden sind.

Für andere Dienstleistungs- und freie Berufe sind Rechnungen und schriftliche Vereinbarungen dagegen Standard. "Eine fehlende schriftliche Regelung ist keine gute Grundlage für eine saubere rechtliche Abwicklung", geben die Studienautoren zu bedenken.

90 Prozent der Erlöse sind aus GKV und PKV

Zum Einkommen der Ärzte: Die Umsatzanteile deutscher Arztpraxen bleiben stabil. GKV (68,7 Prozent) und PKV (19,2 Prozent) machen zusammen fast 90 Prozent der Erlöse aus. Selbstzahler sorgen für sechs Prozent Umsatz, Forschung für 1,6 Prozent (mit abnehmender Tendenz).

Sonstige Quellen zusammen bringen es auf 4,5 Prozent der Erlöse. Der PKV-Umsatz je Patient ist weiterhin überdurchschnittlich hoch, da nur rund elf Prozent der Deutschen privat versichert sind. Damit trägt die PKV weiterhin überproportional zum Arzteinkommen bei.

Beim Thema Praxis-Marketing sind Ärzte nach wie vor gespalten. Rund die Hälfte von ihnen schätzt Marketing als wichtig ein. Rund 30 Prozent der Ärzte sind überzeugte Gegner und lehnen Marketing ab, ein Fünftel ist unentschlossen.

14 Prozent der Ärzte legen ein eigenes Marketingbudget fest. Der Anteil der Ärzte, die das Budget erhöhen wollen, ist höher als der Anteil der Praxisinhaber, die an dieser Position kürzen wollen.

Patienten mit IGeL gewinnen

Wichtigste Marketingmaßnahme bleibt die Internetpräsenz, gefolgt vom Praxispersonal und dem äußeren Erscheinungsbild der Praxis, dessen Bedeutung im Zeitablauf abnimmt. Wichtigster Antrieb für das Marketing bleibt das Ziel, Patienten über ein besonderes Leistungsspektrum zu informieren.

Viele geben auch an, damit neue Patienten gewinnen zu wollen. Auffällig ist, dass viele Ärzte Marketing betreiben, weil sie der Auffassung sind, die Patienten erwarteten dies - selbst sind sie aber nicht überzeugt davon. Jeder neunte Arzt, der Marketing betreibt, verfolgt damit keine konkreten Zielvorstellungen.

Das Fazit der Studienautoren: "Die vorhandenen Möglichkeiten werden in vielen Fällen nicht ausgeschöpft. Gleichzeitig gibt es jedoch eine Gruppe von Ärzten, die Chancen erkennen und nutzen wollen - sie nutzen Marketing im Rahmen einer umfassenden Strategie."

Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit

Die Studie "Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit" wird jährlich von der Stiftung Gesundheit vorgelegt, die die Gesellschaft für Gesundheitsmarktanalyse mit der Durchführung beauftragt. Aus einer Stichprobe von 24.676 niedergelassenen Ärzten, Zahnärzten und psychologischen Psychotherapeuten beteiligten sich in diesem Jahr 839 (3,4 Prozent) von den Angeschriebenen an der Online-Erhebung. In den Vorjahren lief begleitend noch eine Papierumfrage, die aber keine signifikanten Unterschiede zur Online-Befragung erbrachte. Inzwischen wird auf die Papier-Umfrage verzichtet. Die Erhebung lief im Mai und im Juni 2011.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Laxe IGeL-Haltung kann teuer werden

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